Palistorti di Valgiano Bianco 2013 IGT

| 11. Mai 2016 | 0 Kommentare ...alles

Industrial-chic im Mund

Weisswein mit Patina, elegant auf vintage getrimmt und, so man ihn für sich erschlossen hat, verführerisch wie eine antike römische Göttin.

Winzer/Weingut: Tenuta di Valgiano, Lucca, Toskana, Italien.

Lage/Herkunft: Von Weingärten mit steinigen Kalkmergelböden auf rund 250 m Seehöhe.

Palistorti Allgemeines: Im August 2014 hatte ich zum ersten Mal einen Wein von der Tenuta di Valgiano in der Provinz Lucca in der Toskana getrunken und war auf der Stelle hingerissen. Was Moreno Petrini und seine Lebensgefährtin Laura di Collobiano da in die Flasche gezaubert haben war einfach umwerfend. Heute habe ich im Zuge der Themenverkostung Italien ganz mutig ihren Weißwein am Tisch der Wahrheit stehen, den Palistorti di Valgiano Bianco IGT 2013. Eine Cuvée aus 50% Vermentino, 25% Malvasia und Trebbiano sowie 25% Sauvignon Blanc und Chardonnay, welche zu 10% in Barriques und der Rest im Edelstahltank bei 10°C auf den wilden Hefen vergoren wurde. Erst nach sechs Monaten auf der Hefe wurden die verschiedenen Partien miteinander verschnitten und anschliessend mit minimaler Schwefelung abgefüllt. Vor ein paar Wochen hatte ich erneut den “Rosso” der Beiden in einem Restaurant getrunken und war auf der Stelle wieder schwer beeindruckt. Wie sich der Bianco zeigen wird, dem gehe ich jetzt auf den Grund. Vorher kommt der Wein aber für eine Stunde in den grossen Dekanter zur Belüftung.

Im Glas: In sattem goldgelb zieht der Palistorti bianco im Becher seine Kreise.

In der Nase: Der Duft ist höchst aromatisch, sehr kraftvoll, leicht irritierend. Überreife Birne, ebensolcher Apfel, etwas Quitte und Mirabelle. Saftig, fast schon triefend und ausgesprochen würzig. Kein charmanter Duft, vielmehr einer der sich wenig darum schert ob er gefällt oder nicht. Komplex, dicht, intensiv und doch irgendwie fein weil es nicht dampft. Gibt wahrscheinlich mehr vor als im Mund tatsächlich übrig bleibt. Höchst interessant, fordernd und betörend was die Nasenflügel hochweht.

Im Mund: Gold. Wie flüssiges Gold fliesst der Palistorti bianco butterweich, fast schon cremig auf die Zunge. Alles andere als schlank, leicht breit und rund wie ein junger Kugelfisch rollt er auf die Zunge und breitet sich augenblicklich im gesamten Mundraum aus. Da schmeckt man Birne, leicht angebräunt, fetten Apfel und eine dicke Matschmirabelle. Das dichte, vollschlanke Mundgefühl erinnert irgendwie an Mittelalter, an Patina und abgewohnte Möbel. Ungemein saftig tropft aus dem dichten Körper hochreife Frucht heraus, verströmt würzige Aromatik nach dürrem Gras und gut gesalzenen Trockenfrüchten. Ein höchst erotisches Gaumenspiel, der Abgang gelb und braun und trocken. Kein Wein für Sicherheitsfanatiker, der braucht echte Abenteurer.

Kaum wechselt man das Glas von klein auf gross, steht der Palistorti bianco leicht phenolisch im Mund. Der gehört definitiv ins Burgunderglas. Da macht er auf, da wird er fein. Er hat sein Gewicht fast ganz verloren, fühlt sich fein und leicht im Mund an und auch die Säure kommt viel besser durch. Die Opulenz ist weg, die Frucht ist reif, vor allem ist die Würze ein Traum. Zartes Salzkaramell an den Zungenrändern, richtig sexy, etwas Dörrmarille und ein Schuss von grüner Nuss. Was für ein Wein! Hocharomatisch, sinnlich, erotisch und ewig lang steht er am Gaumen, wirkt im gesamten Mundraum wärmend und doch fein wie frisch nach und zeigt im Nachhall sündig-weiche Trockenfrucht. Es bleibt mehr Würze übrig und den Saft spürt man auch noch, wenn er gar nicht mehr da ist.

Je länger der Palistorti bianco Luft aufnimmt, umso feiner, fast schon elegant, wird er. Nach fünf Stunden ist er richtig trocken, steht trotzdem voll im Saft und protzt mit einer Aromatik die ihresgleichen sucht. Als würde er eine Turbodiät machen ist er richtig schlank geworden, erhält sich dabei aber das eine oder andere Speckpölsterchen und gibt sich frisch und sogar mineralisch auf der Zunge und am Gaumen. Er schmeckt dunkelgelb, fühlt sich gelbbraun an und erinnert einen an eine abgeschliffene und nur provisorisch verspachtelte Wand. Industrial-chic im Mund. Grossartig. Traumhaft. Jetzt fliegt der Wein, jetzt tanzt er mit lustigen 12,5 Umdrehungen und will genossen werden.

Resümee: Weisswein mit Patina, elegant auf vintage getrimmt und, so man ihn für sich erschlossen hat, verführerisch wie eine antike römische Göttin. Ich werf jetzt meine Toga in die Ecke und amüsier mich mit dem Teil ganz ungeniert bis nichts mehr davon übrig ist.

Tipp: Verträgt ein bis zwei Stunden in der Karaffe sehr gut. Mit ca. 12º aus dem grossen Glas geniessen. Passt hervorragend zur süditalienischen Küche wie auch zu pikanten Vorspeisen und Fisch- und Geflügelgerichten. Verträgt sogar Schärfe überraschend gut. Oder trinken Sie ihn solo und erleben Sie ein höchst sinnliches Gaumenkino.

Einen Bericht über den Palistorti bianco lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Palistorti di Valgiano Bianco IGT 2013 von der Tenuta di Valgiano aus Valgiano, Lucca in der Toskana, Italien. Bezugsquelle: K&U Weinhalle, Nürnberg.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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