Palistorti di Valgiano 2009

| 29. August 2014 | 0 Kommentare ...alles

Bäuerliche Naturgewalt.

Wild, eckig, stur und störrisch wie eine bäuerliche Naturgewalt. Da tanzt der Knecht in seinen Stiefeln und nicht die nette kleine Ballerina.

Winzer/Weingut: Tenuta di Valgiano, Lucca, Toskana, Italien.

Lage/Herkunft: Von Weingärten mit steinigen Kalkmergelböden auf rund 250 m Seehöhe.

Palistorti di Aalgiano Flasche/Etikett: Das Etikett, bzw. die beiden Etiketten auf der Flasche, lösen optische Irritation aus. Ist das obere, grosse Stück in vanillegelb noch absolut minimalistisch gestaltet – es steht nur der Name des Weines PALISTORTI DI VALGIANO und der Jahrgang 2009 drauf – so ist das untere, schwarze Stück Papier bedruckt wie die letzte Seite einer Gebrauchsanweisung. In ttürkis, einer recht unüblichen Farbe auf Weinetiketten, ist alles angeführt was gesetzlich vorgeschrieben ist und genauso sieht es dann auch aus. Einerseits als Design nicht wirklich zum Kauf verleitend (Leute die nach Etikett kaufen gibt es immer), andererseits ist es gerade dieses Nicht-Design, dieses eher technisch anmutende Erscheinungsbild, das einen neugierig macht. Auf ein Rückenetikett wird komplett verzichtet und so sollte man sich einfach überraschen lassen was aus dieser Flasche kommt. Bevor das allerdings passiert darf sich der ‘Toskaner’ für eine Stunde mit sich selbst in der Karaffe vergnügen.

Im Glas: Leuchtend rot wie ein Rubin steht der Palistorti rosso im Glas. Sehr klar und alles andere als blickdicht.

In der Nase: Die Nasenflügel zieht eine reife braunrote Würze hoch, fühlt sich kräftig und konzentriert an. Saftige schwarze Kirschen dümpeln im Becher, Sauerkirsche, etwas Kreuzkümmel. Es riecht intensiv, ist aber weder heiss noch schwer, sondern angenehm frisch. Es riecht auch nicht nach den typischen Sangiovese-Cuvées der Toskana, es ist uriger, deftiger, bäuerlicher, rustikaler. Da tanzt der Knecht in seinen Stiefeln und nicht die nette kleine Ballerina. Stürmische Würze harmonisch vereint mit dem Saft dunkler, reifer Früchte. Man riecht den Bauernhof und nicht das Ristorante.

Im Mund: Hab ich vorher was vom Knecht gefaselt? Da steht der Bauer himselbst im Mund und gräbt mit Urgewalt den Acker um. Halleluja! Als würde auf der Zunge ein Teppich ausgerollt. Gerbstoffe machen sich im Stile eines Überfallskommandos über die Geschmacksknospen her. Wie Samt zwar, aber so gewaltig, dass man kurz nach Luft schnappt. Erst beim zweiten Schluck nimmt man den konzentrierten Saft auf der Zunge wahr, spürt wie dicht gewoben dieser Wein ist und wie wunderschön sich Rustikalität anfühlen kann. Ein kräftiger, voller Körper macht sich im gesamten Mundraum breit, benebelt den Gaumen, streicht ihn quasi mit seinem Gerbstoffkleid ein und macht sich dann ungeschminkt und unfrisert über den Rest an Nervenzellen her. Wild, eckig, stur und störrisch wie eine bäuerliche Naturgewalt tritt er im Mund auf, um dann plötzlich versöhnlich frisch und fröhlich mit einer liebenswerten kecken Säure auf der Zungenspitze wieder Frieden mit einem zu schliessen.

Wenn ein Wein das Prädikat “mutig anders” verdient, dann ist dieser hier und jetzt im Glas. Und mit jeder weiteren Viertelstunde wird dieses bäuerliche Naturschauspiel gewaltiger. Plötzlich haben sich die Gerbstoffe wie auf Kommando im Saft versammelt und streifen aus diesem heraus, fein wie ein Bürste, über Zunge und Gaumen, haben sich quasi zum Begleitschutz degradiert und ziehen neben einem Saft ihre Spuren, der jetzt nach frischen schwarzen Kirschen schmeckt, der genug Säure in sich trägt um frech zu wirken und ungemein lebendig ist. Plötzlich spürt man wie der Palistorti rosso sich mit reifer Frucht im Mund ausbreitet, wie er rollt, wie er völlig unerwartet fein und lang wird und ein Tanningerüst auf die Nerven los lässt, das einem feuchten Wüstensturm gleicht. Das ist nicht Toskana die man kennt, das ist Toskana die man kennenlernen WILL.

Resümee: Ich empfehle den Wein aufzumachen und nach zehn Minuten den ersten Schluck zu nehmen um diese Urgewalt an Tanninen zu erleben. Nach zwanzig den zweiten und so weiter. Nach neunzig Minuten schwimmt man in reifem Saft der die Zunge in Gefangenschaft nimmt, der den Gaumen üppig aber dennoch kühl und frisch einpinselt und eine Spröde offenbart, die sowohl rustikal wie auch zerbrechlich fein wirkt. Die 14% stehen diesem ‘Ungetüm’ von eleganter Bäuerlichkeit äusserst gut, sie machen ihn erst aus, sind niemals heiss und man merkt sie so gut wie nicht. Der Palistorti rosso ist DIE Entdeckeng am Ende einer einjährigen Weinreise. Der letzte Wein ist DER Überflieger. Besser geht’s nicht. Das kann man nicht bestellen, das passiert. Wenn der Tropfen nicht 20 Euro kosten würde wäre das wohl einer jener Weine, die täglich in Reichweite stehen würden um in der Küche entsprechende Unterstützung zu haben. Absoluter Kauftipp!

Tipp: 60-90 Minuten in die grosse Karaffe mit dem Wein. Mit 16-18º geniessen. Zu bäuerlicher Küche, Braten, Wurstvariationen, Pasta und vielem mehr. Zur Entspannung ohne alles ein Wein der jede Meditation bereichert.

Einen Bericht über den Palistorti di Valgiano lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Palistorti di Valgiano 2009 Rosso DOC von der Tenuta di Valgiano aus der Provinz Lucca in der Toskana, Italien. Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle zur Verfügung gestellt.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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