Riesling ‘Ilbesheimer Kalmit’ 2010

| 20. Mai 2012 | 0 Kommentare ...alles

Abenteuer für Weinenthusiasten.

Vielschichtig, wandlungsfähig und immer wieder überraschend. Kein Riesling für den schnellen Genuss, sondern ein Wein für Leute mit Geduld.

Winzer/Weingut: Sven Leiner, Weingut Jürgen Leiner, Ilbesheim/Pfalz, Deutschland.

Lage/Herkunft: Aus dem Naturschutzgebiet Kleine Kalmit, der höchsten dem Haardtrand vorgelagerten Erhebung in der Rheinebene.

Flasche/Etikett: Lang, braun und ‘noch voll’ steht die Schlegelflasche da und setzt konsequent die ‘Lagen-Linie’ von Sven Leiners Weinen fort. Viel weiss, oben nur das Logo und in gewohnter Weise, an ein Notenblatt angelehnt, der Name des Inhalts in die drei Zeilen geschrieben. Darunter in gold die Herkunft und vor allem wieder mit einem der wichtigsten ‘Mitarbeiter’ im Weinberg versehen. In diesem Fall einer Ichneumonida, Nicht-Zoologen vielleicht eher als ‘Schlupfwespe’ ein Begriff. Ich muss gestehen, dass ich selten zuvor soviel über Nützlinge gelesen und erfahren habe wie bei dieser Sortimentsverkostung. Sven Leiner sorgt eindeutig für Horizonterweiterung.

Wie eingangs bereits erwähnt musste der Rieling aber erst einmal für drei Stunden an die Luft bevor das neue Abenteuer beginnen konnte. Deshalb haben wir die Flasche umgefüllt und den Wein in der Karaffe weg gestellt. So sollte er dann auch bis zum Abend ‘ausharren’ müssen und uns stundenweise Einblick in seine Entwicklung an der Luft geben. Wir waren gespannt was wir erleben würden und um 11 Uhr wurde dann das erste Glas eingeschenkt.

Geduld ist eine Tugend

11:00 Uhr: Im Glas präsentiert sich der Riesling in einem satten goldgelb. Sehr dicht wirkt die Farbe und sieht fast wie Honignektar aus. Das Bukett, einfach umwerfend. Exotisch fruchtig, mineralisch und richtig opulent, ausladend und einnehmend. Es riecht nach Kräutern und reifen gelben Früchten. Es duftet so konzentriert aus dem Glas heraus, dass man fast Angst hat vor dem ersten Schluck.

Völlig konträr zu dem was man gerochen hat, zieht der Kalmit nach drei Stunden Luftzufuhr eine brutal kräuterwürzige Spur über den Gaumen, welche von einer ausserordentlich pikanten Säure begleitet wird. Im Körper kräftig, aromenseitig aber noch ziemlich verschlossen nach drei Stunden. Da kommt noch gewaltig was nach im Lauf des Tages, garantiert. Jetzt zischt der Kalmit noch eher ungeordnet über die Zunge und den Gaumen und lässt nur erahnen was da noch alles kommen mag. Man schmeckt die reife Rieslingfrucht wie sie mit fester Säure zupackt, auf der Zungenspitze pulsiert und sich beim Abgang auf dem Gaumen einbrennt. Da ist was ganz was Grosses in der Karaffe, soviel ist sicher. Im Moment sorgt er dank seiner pikanten Säure für grossen Speichelfluss und allgemeines Staunen.

14:00 Uhr: Drei Stunden später wird weiter geforscht. Drei Stunden mehr Luft und der Kalmit riecht wesentlich ‘leiser’, runder, konsolodierter. Nach wie vor duftet es kräutrig und würzig, jedoch hat ein wenig mehr eine attraktive Mineralik die Oberhand gewonnen. Jedenfalls ist das jetzt ein komplett anderer Geruch als ein paar Stunden zuvor.

Im Mund wirkt der Kalmit ein wenig weicher, zündet aber trotzdem relativ rasch den Säureturbo. Keine unangenehme Säure wohlgemerkt, vielmehr rassig-pikant, mit einem Hauch von kräutriger Zitrusnote drin. ‘Stangen-Riesling-Trinkern’ empfehle ich einmal einen ‘normalen’ Riesling aus dem Supermarktregal und diesen hier parallel zu verkosten. Es ist wohl die beeindruckendste Demonstration zwischen herkömmlicher Massenware und einem Wein aus echter biologischer Produktion. Gravierender können Unterschiede nicht sein. Was beim Riesling Kalmit jetzt beeindruckt ist diese Kräuterwürze welche derart eindrucksvoll über die Zunge zieht und sich förmlich auf ihr festsetzt. Weinerfahrung pur. In ein paar Stunden geht es frisch und fröhlich weiter.

18:00: Zeit wieder mal ein Glas des Paraderieslings einzuschenken und neue Eindrücke zu sammeln. Allein dieses Gold im Glas macht schon Lust auf mehr und fasziniert nachhaltig. Interessant ist, dass das Bukett insgesamt immer leiser wird, es zieht sich fruchtseitig zurück und gibt immer mehr mineralische Noten frei. Die extrem kräutrigen Aromen sind jetzt mehr eingebunden und eine deutliche Hefenote kommt zum Vorschein. Über die Lippen gleitet der Kalmit fast cremig, um, kaum realisiert, mit einem pikanten Paukenschlag Eindruck zu schinden. Die Säure ‘sticht’ förmlich die Zungenspitze und bleibt im Abgang würzig-zitrusfruchtig am hinteren Gaumen haften.

Lässt man den Wein im Mund zirklulieren wirkt er weich und füllig und entfaltet erst allmählich seinen pikanten Charakter. In jedem Fall aber sorgt diese würzige Mineralität dafür, dass einem unmittelbar nach dem Schlucken das Wasser im Mund, genauer gesagt auf der Zunge zusammenläuft. Der Kalmit kommt sozusagen sprichwörtlich ‘von hinten’. Ein ganz Gerissener. Der Wein ist ein Erlebnis, das steht fest.

Resumee

Zusammengefasst ist zu sagen, dass der Riesling Kalmit 2010 ein Wein ist für den man Geduld braucht, will man ihn auch nur halbwegs kennenlernen. Er verändert sich in der Karaffe im Laufe des Tages mehrmals, sorgt zeitweise für Verwunderung und verzückt zwischendurch mit ausssergewöhnlichen Eigenschaften. Alles in allem würde ich den Tropfen aber für ein paar Jahre verbuddeln und ihn einfach in Ruhe reifen lassen. Wie schon gesagt, da kommt was Grosses, was jetzt für interessante Weinerfahrungen sorgt, aber in ein paar Jahren sicher jedem Weinfreund ein verzücktes Grinsen ins Gesicht zaubert. 16 Euro ab Hof sind jeden einzelnen davon wert und sollten entsprechend als Investition in eine grosse Weinzukunft angesehen werden.

Tipp: Unbedingt in die Karaffe umfüllen und mindestens drei Stunden stehen lassen. In den nächsten Stunden können Sie, ganz wie es Ihnen passt, den Wein in allen seinen Facetten verfolgen und seine vielen Gesichter kennenlernen. Riesling für Freunde von echten Abenteuern. 12-14º Trinkemperatur sind ideal.

Einen Bericht über den Riesling Kalmit lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Riesling ‘Kalmit’ 2010 von Sven Leiner aus Ilbesheim in der Pfalz, Deutschland.

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Kategorie: Sven Leiner, Verkostet

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