Bonn´heure 2011

| 27. Oktober 2013 | 0 Kommentare ...alles

Ausgereizt bis an sein Limit.

Für weniger als 10 Euro gibt es nicht viel was so viel elegant ‘angestaubten’ Spass macht. Cabernet Franc zur Spitze getrieben. Kaufempfehlung.

Winzer/Weingut: Domaine de la Chevalerie, Restigné/Indre-et-Loire, Frankreich.

Lage/Herkunft: Von 25 bis 70 Jahre alten Rebstöcken die auf unterschiedlichsten Bodenformationen stehen.

Bonn Heure 2011 Flasche/Etikett: Entgegen den beiden letzten Etiketten welche die Burgunderflasche dieses Cabernet Francs zierten ist dieses nicht hoch, sondern in Form einer relativ schmalen ‘Banderole’ gehalten. Ganz unten am Rand klebt das schwarze Stück Papier, das auf der ersten, nicht wirklich ‘konzentrierten’ Blick, unweigerlich an eine Hexe auf einem Besenstiel erinnert. Erst beim zweiten Hinschauen merkt man, dass es sich um ein Mondgesicht mit einer davor liegenden Weinflasche handelt. Oberhalb kommt daher auch nicht ein Besenstiel raus, sondern ein Korkenzieher, auf dessen Kork, wie bei allen anderen Jahrgängen zuvor, eben dieser eingedruckt ist. Unterhalb des Mondgesichts der Spruch “…née, c’est le songe d’une nuid d’été” was frei übersetzt soviel wie “im Angesicht einer Sommernacht entstanden” heisst. Rundherum nichts als schwarzer Himmel mit Millionen von Sternen, cuvée BONN´HEURE in Kapitalen rechts und die Herkunft BOURGUEIL in ebensolchen oberhalb des Mondgesichts. Im Gegensatz zu den Vorgängerjahren bei denen man wissen musste wo man den Jahrgang findet, steht dieser nun unterhalb des Namens.

Am hinteren Etikett erfährt der Interessierte alles Wesentliche über den Wein und die Domaine und liest den Hinweis “A boire dans les deux ou trois ans” (innerhalb von zwei bis drei Jahren zu trinken). Der Rest ist in der Flasche und dieser darf jetzt einmal für eine Stunde in der Karaffe Wiener Luft schnuppern.

Im Glas: Sattes Kirschrot steht im Glas, dunkel im Kern, zum Rand hin leicht ins Bläuliche driftend.

In der Nase: Dichte Noten von dunklen Beeren strömen in die Nase, es fühlt sich saftig und fleischig an, gut gewürzt mit einem Schuss Pflaume. Es ist diese Kombination von brauner Würze und den fleischigen Beerenaromen die den Bonn´heure so eindrucksvoll, fast schon ‘mächtig’ dampfen lassen. Dabei riecht es frisch und kühl und macht grossen Spass in der Nase. Interessanterweise duftet es sogar ein wenig fruchtig neben all der kraftvollen Würze. Augfrund der Intensität des Duftes erwartet man eigentlich einen ebenso kraftvollen Wein im Mund. Ob das so ist wird sich gleich zeigen.

Im Mund: Von wegen heiss, mächtig oder gar pampig. So frisch und kühl wie der Bonn´heure auf die Zunge kommt erschrickt man fast. Schlank fühlt er sich an im Mund, rote Beeren drücken ihren Saft aus und ein wunderbar würziger Film zieht über sie hinweg. Man spürt wie alles frisch und lebendig über die Zungenränder abfliesst, dabei fast ins Sauerkirschige geht und in einem braunwürzigen Finale endet. Trocken wie ein Handtuch, Gerbstoffe superfein, sanft und süffig wie schon lange nichts mehr. Man merkt der Wein hat Kraft, ganz kurz lässt er sie aufblitzen und einen meinen, dass hier viel mehr als lächerliche 12,5 %vol. im Mund ihre Arbeit verrichten. Und dann ist der Druck auf einmal weg und das was übrig bleibt ist feines, mit saftiger Frucht bepacktes Aromenspiel. Alles ist irgendwie minimalistisch, reduziert aufs Wesentliche und deshalb so frisch und klar.

Viel mehr trocken im Mund geht nicht, noch seidiger kann man Gerbstoffe wohl nicht definieren und noch frischer kann man ein rotbraunes Frucht- und Würzespiel nicht hinbekommen. Über die Zunge geht der Bonn´heure umweglos in einer schmalen Bahn genau durch die Mitte ab, am Gaumen haftet er wie ein trockenes Staubtuch und lässt seine feine Würzigkeit spüren. Er haftet lange und zeigt sich im Abgang als ‘kühle, herbe Schönheit’. Dabei wird all diese braune Würze, diese Erdigkeit, immer von einem guten Schuss Frucht in Form von wilden dunklen Kirscharomen begeitet. Man spürt den Wein im Mund, man spürt wie er pulsiert, wie er arbeitet und sein höchst erfrischendes Säurespiel auf zivilisierte Art und Weise auslebt.

Resümee: Nach dem Cassiopée aus 2009 und dem Venus aus 2010 ist der Bonn´heure für mich persönlich der ‘eleganteste’, der klarste und erfrischendste Jahrgang. Das soll keineswegs die Qualität der beiden Vorgänger schmälern. 2009 habe ich geliebt, 2010 war klarer, fokussierter. Beide waren auf ihre Art bezaubernd. Der Bonn´heure aber fühlt sich wie die Spitze an, die man erreichen kann. Es fühlt sich an, als hätte man das Mögliche bis ans Limit ausgereizt, um diese fast ‘nackt’ wirkende Eleganz zu erreichen. Lebhaft auf der Zunge, betörend am Gaumen, die Würze im Mund stilvoll und doch kräftig, die Frucht ausgeprägt aber nicht überzeichnet. Das Mundgefühl umwerfend. Frisch, klar, süffig, ein Hauch von rustikal ohne bäuerlich zu wirken, retro ohne alt zu sein, bodenständig und doch mit Klasse. Der Bonn´heure wird, wie die beiden anderen, eingelagert. Für weniger als 10 Euro gibt es nicht viel was so viel elegant ‘angestaubten’ Spass macht. Kaufempfehlung mit zwei erhobenen Daumen.

Tipp: Eine Stunde im Dekanter tut ihm gut. Bei 16º im Sommer und bei 18º im restlichen Jahr genossen ein mehr als erfrischender Begleiter. Wild, Wurst und Braten, das sind seine Leibgerichte. Als Solist ein Wein der es versteht Nostalgie und Moderne ohne Widerspruch in Einklang zu erleben.

Einen Bericht über den Bonn´heure lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Bourgueil ‘Bonn´heure’ 2011 von der Domaine de Chevalerie in Restigné im Département Indre-et-Loire, Frankreich. Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle zur Verfügung gestellt.

Tags: , , , , , ,

Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

Ihr Kommentar