Von Unserm 2014 Riesling

| 3. Juni 2016 | 0 Kommentare ...alles

Trocken trinken mit Fatima

Take it or leave it, da ist kein Platz für Zweifel, Überlegung oder sonstiges Geschwurfel. Ein richtig erdbetonter Desperado.

Winzer/Weingut: Balthasar Ress, Hattenheim, Rheingau, Deutschland.

Lage/Herkunft: Von Schieferböden und tiefgründigen Löss- und Lösslehm.

Von Unserm Allgemeines: Voriges Jahr im August hatte zum ersten Mal einen Wein vom Weingut Balthasar Ress aus Hattenheim im Rheingau verkostet, den Hattenheimer Wisselbrunnen GG 2012. Eigentlich bereits zur Spitze des Rieslingportfolios zählend. Heute habe ich wieder einen Wein von Christian Ress und Dirk Würtz, dem Betriebsleiter und “Weinmacher” des Weinguts, am Tisch der Wahrheit stehen. Und zwar den sogenannten Einstiegswein: den Riesling Von Unserm 2014. Was die beiden machen ist kein Mainstream. Ihr Credo lautet “zurück zu den Wurzeln, zur Nachhaltigkeit, biologisch und biodynamisch”, und dieser Philosophie wird alles untergeordnet. Der Von Unserm wurde im Stahltank ausgebaut und wenn er auch nur halbwegs so “mutig und unbequem” wie der Hattenheimer Wisselbrunnen ist, dann freue ich mich jetzt schon wie ein Schneekönig auf diesen Riesling. Ich karaffiere ihn absichtlich nicht, weil ich diesen Wein in seiner Entwicklung in der Flasche über den Tag hinweg beobachten will.

Im Glas: Klares zitronengelb leuchtet aus dem Glas heraus.

In der Nase: Der Duft ist ein ganz frischer, nach aufgeschnittenem Pfirsich, etwas Litschi und auch ein wenig grüne Aromatik hat sich im Fruchtkorb versteckt. Sehr erfrischend, ziemlich knackig und belebend macht sich der Von Unserm in der Nase bemerkbar. Ein Stück Marille treibt im Glas und auch ein Schuss frische Ananas bitzt zärtlich auf. Umhüllt wird alles von einer äussert belebenden mineralischen Note die einem sehr steinig die Nasenflügel hoch steigt. Zitrusfrischer Spass im Riechorgan beschreibt es wohl am treffendsten.

Im Mund: Richtig knackig hämmert einem der Von Unserm in die Backen. Der klirrt förmlich, ist straff wie das Seil einer Hängebrücke und schafft es dabei überraschend stoffig und substanzvoll an den Wangen und am Gaumen zu sein. Doch kaum daran festgekrallt, öffnet sich die Einspritzdüse, aus der allerfeinste wie höchst lebendige Säure austritt und sich über die Geschmacksnerven hermacht. Halligalli auf der Zunge und am Gaumen, trocken wie der Vileda-Klinkenputzer und – das ist die eigentliche Überraschung – herb. Jawoll, aus dem Säureturbo tropft herber Saft der so gar nicht typisch Riesling und deshalb umso beeindruckender ist. Kein Fruchorkan, vielmehr glasklare Stoffigkeit, so es solche überhaupt gibt. Muss man spüren, weil das einfach geil ist. Mineralik pur, bestenfalls als Tupfen auf dem i ein Stück von herber Ananas und Pfirsich. Der Rest ein richtig herber, knochentrockener Verterer seiner Gattung. Daumen hoch!

Wahnsinn wie herb, wie erdbetont der Von Unserm im Mund agiert. Der schmeckt nicht gelb, der schmeckt nicht grün, der ist kieselgrau bis mittelbraun. So blöd das für Manchen auch klingen mag. Das ist ein Bergwerker, ein Hangarbeiter, ein Motocrosser. Die Zunge spürt den Druck, die Dichte und auch die Klarheit, der Gaumen ist sowieso von einem Haufen Erde zugeschüttet. Aus allem strömt ein Saft der frisch, der lebendig und höchst agil ist, der keine Müdigkeit zeigt und der wunderbar mit dieser staubigherben Note harmoniert. Das ist sicher der Hauswein beim Erzbergrodeo. Das muss er einfach sein. Und wenn der gute Tropfen dann auch noch zu atmen beginnt, dann wird es überhaupt finster wenn es um die Fruchtbegleitung geht. Dann steht nur mehr gottverdammte Trockenheit im Mund und lacht sich krumm, während die Zunge den letzten Rest von Saft vom Gaumen ableckt. Der Abgang längst in Staub ertrunken, der Nachhall flüssige Erde, die sich am Ende als Fatamorgana zu erkennen gibt. Ich nenn´ sie Fatima. Erst nach Stunden, am Abend, kommen plötzlich saftige Ananas und Marillen unter der Erde hervor gekrochen und tun so, als ob sie nur mal kurz weg gewesen wären. Jetzt singt der Wein und morgen würde er das sicher auch noch tun. Doch dann ist nichts mehr davon übrig.

Resümee: Nach den zahlreichen Rieslingen die ich die letzten Monate verkostet habe, ist diese erdig-herbe Stilistik wieder eine die mich “anfixt”. Weil sie so derartig anders ist, so kompromisslos auf vordergründige Frucht verzichtet und auf eine erdbetonte wie stoffige Charakteristik inklusive krachender Säure setzt, dass man schon die Arbeitskleidung anziehen muss um sich durch den Staub zu wühlen. Was Dirk Würtz mit dem Von Unserm, quasi der Basiswein, auf das Volk loslässt ist schon mutig. Weil er damit definitiv nicht den “typischen” Rieslingtrinker anspricht und einfach polarisiert. Take it or leave it, da ist kein Platz für Zweifel, Überlegung oder sonstiges Geschwurfel. Den Von Unserm mag man oder nicht. I do like him very much. Aber ich bin ja auch eine Erdsau die sich gern im Dreck suhlt. Mit ein wenig Riesling zwischen den Kiemen, selbstverständlich.

Tipp: Verträgt sicher Luft, macht aber ohne Vorwarnung noch viel mehr Spass. Mit 10-12º trinken. Küchentechnisch ganz schwer. Klassik geht immer, der aber will Abenteuer. Als Solist am besten in der Motorradkluft genossen.

Einen Bericht über den Von Unserm lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Riesling Von Unserm 2014 vom Weingut Balthasar Ress in Hattenheim im Rheingau, Deutschland. Bezugsquelle: 225 Liter-Handverlesene Weine, München.

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Kategorie: 225 Liter, Verkostet

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