Tannenberg 2009

| 22. Juni 2013 | 0 Kommentare ...alles

Die Essenz seiner selbst.

Ein grosser Wein der zu seiner eigenen Essenz geworden ist, der Muskelmasse in reine Energie umgewandelt und jeglichen Speck einfach abgeworfen hat.

Winzer/Weingut: Anita & Hans Nittnaus, Gols/Burgenland, Österreich.

Lage/Herkunft: Von je einer Partie der schiefrig-kalkigen, heissen Südseite und der kühleren, schiefrig-quarzigen Nordseite der Lage Tannenberg.

Tannenberg 2009 Flasche/Etikett: Fast wie es sich gehört, bricht das Etikett des Tannenberg aus dem konsequenten Corporate Design aus, verzichtet auf die Zweiteilung und die Illustration und präsentiert sich vollflächig in schwarz. In Silberglitter das Weingut, ganz gross der Jahrgang und die Rebsorte aufgedruckt. Dazwischen in weiss TANNENBERG. Reduziert aufs Wesentliche, selbstbewusst und dank der Farbgestaltung auch sehr auf geheimnisvolles Understatement getrimmt. Und dann fällt einem auf, dass man die Illustration die alle Etiketten bis jetzt geziert hat trotzdem nicht vergessen hat miteinzubinden. Sie ist in grau auf der schwarzen Halsmanschette aufgebracht und stellt so die ursprüngliche ‘Zweiteilung’ des Etiketts wieder her.

Am schwarzen Rückenetikett wird ausführlich die Lage Tannenberg beschrieben. Ein paar sensorische Informationen stehen drauf und auch der Hinweis, dass der Wein zu den Premium-Blaufränkisch zählt. Bevor der Tannenberg endgültig in die Gläser kommt wird er für eine Stunde an die Luft ‘gesetzt’ und im Anschluss über den Tag verteilt verkostet.

Im Glas: Dunkel, fast schwarz mit violetten Reflexen, dreht der Tannenberg seine Runden im Glas. Trotzdem ist der Wein nicht vollkommen ‘blickdicht’, ist eher klar und sehr rein.

In der Nase: Der Duft so tiefgründig wie komplex. Ausgeprägt rauchig, viel Erde, braune Gewürze. Wagenladungen von Stein und Geröll dampfen einem entgegen. Das riecht so überhaupt nicht nach Blaufränkisch. Man kommt sich vor wie in einem Gewürzladen wo Wacholder, Lorbeer und andere getrocknete Sträusse ganz tief im Raum hängen. Dazu steigt einem der Duft des Erdbodens in die Nase, vermengt sich in einer Wolke aus mit Holz geschwängertem Rauch. Das riecht ‘braun’ bis in den letzten Winkel. Es riecht knorrig, intensiv, lebendig, frisch und kühl und fordernd. Wer die Frucht im Duft sucht braucht entsprechend Phantasie um eine auszumachen. Am ehesten noch dunkelschwarze fette Kirsche im Kräutermantel. Der Rest ist Boden pur mit eingebauter Feuerstelle.

Im Mund: Überraschend schlank kommt der Tannenberg auf die Zunge, vollgepackt mit einer lebhaften Säure. Um augenblicklich in saftigem Extrakt aufzugehen. Fast sticht es süsslich auf die Zunge, reizt mit Saft und Säure, schmeckt voll und doch elegant, leicht und vibrierend. Alles steht im Rauch, man schmeckt Wacholder, braune Erde, fühlt wie konzentriert der Wein auf der Zunge steht und wie unendlich lange er nachwirkt. Trinkt man hier wirklich Blaufränkisch? Man schwelgt zwischen saftigem Konzentrat und feingliedriger, fast nerviger Konsistenz. Alles spielt sich unmittelbar auf der Zunge ab, taucht sie ein in eine Komplexität die schwer zu greifen ist. Kirschen und schwarze Beerenfrüchte breiten sich aus, wachsen förmlich aus dem mit Mineralik vollgepferchten Tropfen raus. Es fühlt sich irgendwie ‘komprimiert’ an was da auf der Zunge steht, als würde es in Kürze explodieren und alles freisetzen was sich in diesem Körper verdichtet hat. Man spürt Rasse, Leben, Agilität. Man spürt den Wein zuerst nur, erst dann kommt der Geschmack ins Spiel.

Eine Stunde später (nach nunmehr vier an der Luft) ist der Tannenberg noch mineralischer geworden. Es fühlt sich an als wäre der Kalk nach oben gewandert, um jetzt einen hauchzarten Film über den erdigen Untergrund zu ziehen. Er ist kühler geworden, noch schlanker auf der Zunge und noch intensiver von seiner agilen Säure dominiert. Der Saft löst sich immer mehr ‘im Boden’ auf, ohne dabei verloren zu gehen. Im Abgang merkt man jetzt erst wie füllig, wie kraftvoll und mächtig dieser Wein ist. Trotz allem bleibt er ungewohnt schlank im Mundgefühl. Auf der Zunge steht er ganz vorne in seiner vollen saftigen Pracht, um nach hinten weg immer rauchiger, kalkiger, erdiger und irgendwie ätherischer zu werden. Erst dann spürt man ihn am Gaumen haften bleiben, um diesen mit Holz, getrockneten Gewürzen und dunkler rauchiger Frucht einzupinseln. Man spürt die Wucht in diesem Wein und wundert sich wie sie so fein sein kann.

Resümee: Nach einem guten halben Tag an der Luft duftet es noch immer unvermindert erdig-würzig aus dem Becher. Im Mund fühlt sich der Tannenberg nun wie feinster Kaschmir an. Kalkig-mineralisch, fein und doch voluminös, kraftvoll und doch elegant. Er geht nicht in die Breite, bleibt schnurgerade auf der Zunge. Noch immer mächtig konzentriert und von dieser lebhaften Säure getragen. In Rauch löst sich alles auf wenn der Wein den Gaumen hinunter zieht, Kräuter nimmt man wahr und wieder dunkle Gewürze. Alles eingehüllt in brauner Erde. Der Tannenberg hat unbändige Kraft und auch Volumen und doch nimmt man ihn wahr, als hätte er gerade das komplette Weight Watchers Programm erfolgreich absolviert. Er ist zu seiner eigenen Essenz geworden, hat Muskelmasse in reine Energie umgewandelt und alles was für Speck sorgen könnte einfach abgeworfen. Grosser Wein, grosses, unvergessliches Erlebnis. Wer um die 50-60 Euro in diese ‘Erscheinung’ investiert der darf erleben wie sich sowas anfühlt.

Tipp: Zwei Stunden sollte man ihm gönnen um sich zu entfalten. Über den Tag verteilt am besten solo bei 17-18º geniessen. Zu Wild, Fasan, Karnickel und sonstigem frisch Geschossenen perfekt. Als Solist eine echte Offenbarung.

Einen Bericht über den Tannenberg lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Tannenberg 2009 von Anita & Hans Nittnaus aus Gols im Burgenland, Österreich.

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Kategorie: Nittnaus Anita & Hans, Verkostet

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