Sauvignon ‘Grüne Libelle’ 2010

| 27. Oktober 2012 | 0 Kommentare ...alles

Vom Kampfjet zum Passagierflugzeug.

Ein Wein der abhebt wie ein Kampfjet und im sich Laufe seines Fluges zu einem komfortablen Passagierflugzeug verwandelt.

Winzer/Weingut: Weingut Andreas Tscheppe, Leutschach/Steiermark, Österreich.

Lage/Herkunft: Von der Terrassenlage Krebskogel am höchsten Punkt des Langeggerberges in der Steiermark nahe der slowenischen Grenze.

Flasche/Etikett: Wie oben bereits erwähnt sind die Weine nicht nur nach ausgewählten Nützlingen benannt, auch die Flaschen ziert ein grafisch eindrucksvoll gestaltetes Etikett die einen dieser Nützlinge, in diesem Fall eine grüne Libelle, zeigen. Sehr schön illustriert und ein echter Blickfang auf dem in beige gehaltenen Etikett. Auch die Typo passt perfekt dazu, ist einfach, äuserst fein und sehr zurückhaltend eingesetzt. Die Art und Weise der Information im Stile eines Lexikoneintrages hat Witz, weist Andreas Tscheppe als ‘der Weinbauer’ aus und verzichtet auf alles was von der Libelle ablenken könnte. Was wichtig ist steht am Rückenetikett und gibt Auskunft über alles was den Wein betrifft.

Wie alle bisher verkosteten Naturweine der Wertegemeinschaft Schmecke das Leben wird auch die ‘Grüne Libelle’ erstmal für zwei Stunden in den grossen Bottich umgefüllt und darf sich dort an ihre neue Umgebung gewöhnen. Die Burgunderkelche sind poliert und warten geduldig auf ihre Füllung.

Im Glas: GOLD! möchte man schreien wenn man die Libelle, die ‘grüne’, im Glas ihre Runden drehen sieht. So schaut es nämlich aus im grossen Becher und es strahlt und strotzt vor intensiver Farbe drin. Richtig saftig steht der Wein im Glas und man kann fast spüren was da auf einen zukommt.

In der Nase: Die Nasenflügel gehen ganz weit auf sowie man das Organ ins Glas gesteckt hat. Da zieht ein frischer Duft die Wände hoch, nichts Morbides oder Schweres, vielmehr relativ feine Aromen wie jene von Johannisbeeren, Stachelbeeren und frischem grünen Gras mit leicht zitronigem Unterbau. Kein typischer Sauvignon-Duft und doch vertraut. Es riecht pikant in der Nase, es fühlt sich ebenso pikant an und vor allem flimmert über all dem eine ausdrucksstarke mineralische Note. Schwenkt man den Burgunderkelch entsprechend lange und lässt man die Libelle schneller ‘fliegen’, dann strömen auch kräftige Kräuternoten und würzige Aromen an die Oberfläche. Man kann den steinigen Boden riechen und merkt wie einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Im Mund: Trocken wie Omas Handtuch zieht die Libelle auf die Zunge, fühlt sich dabei wunderbar weich und mild an und macht eines auf der Stelle klar: Dieses ‘Flugobjekt’ hat das Zeug zum Überflieger. Fast cremig schmiegt sie sich an den Lippen an, umspült sie mit einer fröhlich-frischen Säure und taucht die Zunge in einen grossen Kräuterkorb ein. Die Libelle füllt den Mund aus ohne mollig zu werden, übt angenehmen Druck am Gaumen aus und zeigt sich dicht und kompakt im Mundgefühl. Getragen wird der Wein von einer ausergewöhnlich kräftigen und pikanten Mineralität die gewaltig Eindruck hinterlässt. Die frische Kräuternote lässt die Libelle leicht erscheinen, macht sie frech im Mund und würde man Farben schmecken können, dann wäre gelbgrün bestens angebracht dafür. Die Libelle fliegt im Mund, ist lebendig, keine Spur von schüchtern oder zurückhaltend. Über den Gaumen zieht sie in einem herrlich trockenen Finale die Kehle runter, balsamiert diesen förmlich ein und schleift eine feste mineralische Spur hinter sich her die man noch lange schmecken und fühlen kann. Hier wird Sauvignon neu definiert und es macht mächtig Spass die Libelle bei ihrem Rundflug beobachten zu können. Das erste Glas hat uns beeindruckt und am Abend darf unser ‘Flugobjekt’ dann zeigen wieviel Ausaduer es hat und ob es auch entwicklungsfähig ist.

Sieben Stunden später ist das Bukett verhaltener, es ist runder geworden und es duftet jetzt konzentrierter. Die pikante kräuterbetonte Note ist so gut wie verschwunden und übrig geblieben ist die pure Mineralität im Kelch. Im Mund präsentiert sich die Libelle jetzt noch mehr säurebetont, als hätte sich diese erst unter dem ganzen Schotter durchgraben müssen. Wie eine Eins steht sie auf der Zunge. Da wird mit Saft Tempo gemacht und im grossen Teich der Mineralität hüpfen Stachelbeeren hervor und tummeln sich quietschvergnügt im Mund herum. Die Libelle hat, so scheint es, ihre optimale ‘Reiseflughöhe’ erreicht und es macht richtig Spass sie im Mund zu spüren. Animierend auf der Zunge ist sie, weich und mild am Gaumen ist sie und für einen frischen und erdig-steinbetonten Abgang in Verbindung mit einer feinen Kräuterwürze sorgt sie, die Libelle. Am Abend wird noch ein kleines Schlückchen eingenommen und morgen geht es dann dem Rest ans Fell. Oder an die Flügel.

Tag 2:

Ein neuer Tag, ein neues Glas. Lange hatte die Libelle Zeit gehabt sich in der Karaffe auszutoben und heute, knapp 24 Stunden später, machen wir uns an den Rest von dem was übrig ist. Gleich vorab sei mitgeteilt, dass es ganz ruhig ist im Kelch und es sich anfühlt wie die Ruhe vor dem Sturm. Alles was gestern unmittelbar nach dem Öffnen da war ist verschwunden. Ganz leicht duftet es nur mehr nach Kräutern und was wirklich übrig ist schwebt auf einer feinen Wolke purer Mineralität. Weich wie Handcreme zieht die Libelle über die Lippen auf die Zunge, was an Säure da war hat sich in einem mollig-milden Körper verkrochen und eine salzige Mineralspur fliesst über die Zungenränder ab. Am Gaumen spürt man die Libelle fast nicht mehr, so zart weht sie über ihn hinweg. Der Wein ist supersoft und leise geworden. Rund ist er im Mund, fast vorsichtig auf der Zunge und sehr verhalten in seinem ganzen Auftritt. Die Libelle fühlt sich an als würde sie auf Wolke Sieben schweben und nie mehr wieder landen wollen.

Resümee: Man hat jetzt zwei Optionen sich mit diesem Naturwein auseinander zu setzen: Die eine ist den Wein innerhalb eines Tages zu geniessen und ihn dabei als relativ frischen, aktiven und präsenten Torpfen kennenzulernen, oder man trinkt ihn über zwei Tage verteilt und beobachtet wie er immer vornehmer, weicher, milder und ruhiger er wird. Ganz Geduldige geniessen ihn sogar über drei Tage hinweg, das Zeug dazu hat er auf jeden Fall. Die Grüne Libelle startet sozusagen als kleiner Kampfjet um sich nach einigen Flugstunden zu einer Frachtmaschine und am Ende zu einem komfortablen Passagierflugzeug zu verwandeln. Ob sie am dritten Tag zu einem gemütlichen Ballon wird wissen wir nicht, da nach zwei Tagen nichts mehr von ihr übrig war.

Tipp: Zwei Stunden sollte die Libelle mindestens in der Karaffe Luft geschnappt haben bevor man das erste Glas geniesst. Danach entweder innerhalb eines Tages zum frischen Genuss getrunken, oder innerhalb zweier in aller Ruhe die Verwandlung miterleben.

Einen Bericht über den Grüne Libelle lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Sauvignon ‘Grüne Libelle’ 2010 vom Weingut Andreas Tscheppe aus Glanz an der Weinstrasse/Leutschach in der Steiermark, Österreich. Das Weingut Andreas Tscheppe ist Mitglied der Wertevereinigung Schmecke das Leben.

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Kategorie: Schmecke das Leben, Verkostet

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