Rosso di Montalcino Sorgente 2010

| 27. September 2015 | 0 Kommentare ...alles

Montalcino komplett abgeschminkt

Ein Wein der aneckt, reizt und provoziert. Zwingt einen die Wanderschuhe anzuziehen und die Komfortzone zu verlassen.

Winzer/Weingut: Podere Salicutti, Montalcino, Toskana, Italien.

Lage/Herkunft: Von der Lage Sorgente mit kalkigen Böden.

Rosso di Montalcino Flasche/Etikett: Über die fast gesamte Höhe der Flasche erstreckt sich das vanillegelbe Etikett. Der obere Teil ist mit einer Abbildung die an ein Amphitheater bzw. eine Arena erinnert bedruckt. Unterhalb innnerhalb eines hochgeprägten Rahmens in rot 2010 Rosso di Montalcino platziert. Im unteren Teil des Rahmens Sorgente in geschwungener Schreibschrift, der untere Rand durchtrennt von salicutti in gold. Das Rückenetikett verrät nicht viel über den Inhalt, ausser das was man von vorn schon weiss. Dass 100% Sangiovese drin sind hat man zu wissen. Einzig der Hinweis Vino biologico und das europäische Biosiegel weisen darauf hin was in der Flasche ist. Die rote Halsmanschette ist mit der DOC-Banderole umschlossen. Ganz unten hüpfen einem dann potente 14,5 PS ins Auge und ich bin mehr als nur gespannt wie die sich wohl bemerkbar machen. Bevor mich der Sorgente aber mit voller Wucht trifft, darf er sich für eine Stunde in der Karaffe austoben.

Im Glas: In hellem rubinrot funkelt der Sorgente mit leicht ziegeligen Reflexen im Glas.

In der Nase: Aus diesem steigt ein traumhaft herbstlich wirkender Duft empor. Rote Beeren, Laub, Gewürze, herrlich aromatisch wie auch balsamisch in der Nase. Wer glaubt, dass es wegen der 14,5% jetzt dampft und alles dick und heiss wirkt, der täuscht sich völlig. Es riecht fein, fast leicht, unglaublich locker. Durchaus fruchtig und auch saftig, schön untermalt von Laub und Unterholz. Der Herbst im Riechorgan, garniert mit einer Handvoll reifer dunkler Kirschen und einer feingestrickten Würze.

Im Mund: Spröde. Treffender kann man den ersten Eindruck auf der Zunge nicht beschreiben. Sofort breiten sich Unmengen von Gerbstoffen wie ein Samttuch auf ihr aus und man weiss wieder was es heisst “eingenebelt” zu werden. Doch kaum ist der Mund schön ausgefüllt, macht sich eine äusserst feine Säure bemerkbar, tauchen Kirschen, Johannisbeeren und auch Stachelbeeren auf. Am Gaumen spürt man den Wein förmlich vor sich hin rieseln, da staubt der Kalk und auch die Erde und man staunt wie leicht und fein sich der Sorgente anfühlt. Obwohl dieser noch mindestens ein, zwei Stunden in der Karaffe braucht ist er doch jetzt schon so beeindruckend, dass man gar nicht warten will. Er füllt den Mund, er ist saftig, brutal rustikal, gleichzeitig elegant und vor allem fein wie ein Burgunder. 14,5 PS und die Frage, wie man so einem Monster so eine feine Haut verpasst. Unglaublich.

Nach und nach wird der Sorgente fruchtiger, jedoch: fruchtig heisst nicht süss. Es zeigen sich die Fruchtaromen nur etwas klarer, der Kern des Weines bleibt so erdig-rauh wie auch morbide. Und das ist schön. Wenn spröde etwas wirklich treffend beschreiben soll, dann diesen Wein. Der hat jede Menge Ecken und Kanten, hustet auf jeden Montalcino-Trinker der sich einen runden, glatt gebügelten und uniformen “Rosso” wünscht. Der hier hüpft einem mit den Füssen ins Gesicht und zeigt was ungekünstelt und authentisch ist. Dabei ist er so rustikal und knorrig wie ein alter Ast und gleichzeitig elegant wie eine schwarze Katze. Schnurrt und knurrt im Mund, packt die Zunge fest mit seinen Gerbstoffen, lässt sie wieder los, zeigt sich kurz reif, um augenblicklich darauf hinzuweisen, dass er doch so jung ist. Krallt sich am Gaumen fest und lässt ihn nicht mehr los, wirft mit herbstlich morbider Würze um sich, lässt Erde, Laub und Äste schmecken und geht mit einem säurebetonten Kirschgeschmack ab. Was bleibt ist Staunen. Einerseits of seiner Fragilität, andererseits darüber, wie ein Wein mit 14,5% so trinkig, so fein, so leicht, so brugundisch sein kann.

Nach zwei Stunden im grossen Dekanter fängt der Wein an etwas aufzumachen, wird zugänglicher, in “seinem” Verständnis von “sich öffnen”. Er wird “schwärzer” im Geschmack, dunkelkirschiger, runder, fülliger, bleibt dabei immer locker. Fast schon provencialische Kräuterwürze steht im Mund, nebelt den Gaumen ein, belegt die Zunge mit erdig-saftigem Körper, hallt nach mit einem Tick Wacholder und ist frisch und kühl im Trunk. Erst kürzlich hatte ich bei Bekannten einen Rosso getrunken. Wunderbar rund, geschmeidig, füllig und … angepasst. Machte keine Probleme, lehnte sich nicht auf, war brav und tat nicht weh. Weintrinkers Glückseligkeit. Der Sorgente hingegen tut weh. Er eckt an, er reizt, er provoziert, er zwingt einen die Wanderschuhe anzuziehen und die Komfortzone zu verlassen. Er ist ein deftiger, bäuerlicher Wein, der jedoch genügend Eleganz besitzt um Freude zu breiten.

Resümee: Kompakt und doch fein, dicht und doch locker, rüde und doch charmant. Rosso di Montalciono ungeschminkt. Brutal, betörend, reizvoll und politisch unkorrekt.

Tipp: 2-3 Stunden atmen lassen, das braucht er. Mit 16- max. 18º geniessen. Zu Salsiccia, Salami, Pasta und Eintöpfen. Solo nur für die geeignet, die wissen wie man damit umgeht. Dafür ist der Spass dann umso grösser.

Einen Bericht über den Sorgente lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Rosso di Montalcino ‘Sorgente’ 2010 von Podere Salicutti aus Montalcino in der Toskana, Italien. Bezugsquelle: K&U Weinhalle, Nürnberg.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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