‘Ried Schön’ 2010 Grüner Veltliner

| 28. Mai 2014 | 0 Kommentare ...alles

Anders. Punkt.

Mit Steinaroma bis in die letzte Beerenritze stellt sich dieser ‘Wachauer’ völlig anders als seine Artgenossen dar. Grüner Veltliner für Abenteurer.

Winzer/Weingut: Martin Muthenthaler, Mühldorf, Wachau, Österreich.

Lage/Herkunft: Von einer Terrassenanlage über Viessling im Spitzer Graben, mit alten Veltliner-Reben auf Gneis- und Glimmerschieferboden.

GV Ried Schön Flasche/Etikett: Elegant ist nicht nur die ultraschlanke dunkelbraune Schlegelflasche, ebenso elegant ist auch das Etikett das auf ihr klebt. Minimalistisches Design, das alles transportiert was wesentlich ist. Auf hellbeigem Untergrund ist in dicken schwarzen Buchstaben Martin Muthenthaler eingedruckt und unterhalb in grau Wachau. Am unteren Ende 2010 Grüner Veltliner Ried Schön und fertig ist das Teil. Umrandet wird alles von einem goldenen Rahmen. Nicht modern, dafür umso klassischer. Könnte genauso gut das Firmenschild eines Juweliers sein.

Am äusseren Rand des Etiketts und ausserhalb des Rahmens die allernötigsten Informationen sowie das Siegel der Districtus Vinea Wachau, welche 1983 als Vereinigung von Wachauer Winzern gegründet wurde. Schlanke 12%vol. lassen schon im Vorfeld Freude aufkommen. Nachdem die Flasche von ihrem Glasverschluss befreit wurde, kommt der Inhalt für eine Stunde in die Karaffe und dann ins polierte Glas.

Im Glas: Wie ein Goldbarren leuchtet der Grüne Veltliner aus dem Glas heraus. Zarte grünliche Reflexe blitzen auf.

In der Nase: Ob der Wein nach einer Stunde Luft schon ‘ausgehfein’ ist weiss ich jetzt nicht, es riecht reduktiv, nach Matschbirne, nach Matschapfel und überhaupt sehr nach überreifem Steinobst. Dunkelgrüne Wiese riecht man, eine ganz eigenartige Würze steht über dem kraftvollen Aromenkorb im Glas. Erst nach unzähligen ‘Umdrehungen’ frischt alles auf, wird klarer und verliert ein wenig seine Opulenz. Der Wein benötigt definitv mehr Luft, weshalb ihm noch eine Stunde zugestanden wird.

Im Mund: Und dann die grosse Überraschung. Ist das tatsächlich Grüner Veltliner? Es schmeckt anders, es fühlt sich anders an, es ist anders. Knochentrocken schiebt sich der Tropfen mit einer ungeheuren grünen Aromatik wie auch mit einer augeprägten Würze über die Zunge. Es fühlt sich dicker an als es ist, es vermittelt Rasse die dann doch verhalten und rücksichtsvoll agiert. Die Säure die sich zeigt ist gross und doch sehr mild und augenblicklich handzahm. Es fühlt sich weich an und hat doch die klare Härte eines Bergkristalls. Der Wein verwirrt, ist kraftvoll und doch fein, er ist rund und doch glasklar. Man schmeckt grüne Steinobstnoten und man spürt eine ebenso grüne Würzigkeit. Und man fühlt ihn lang am Gaumen wie er dort fast dickflüssig hinwegzieht und sich in einen eindrucksvollen Abgang verabschiedet. “Ich will mehr Luft” schreit dieser Tropfen förmlich und die bekommt er auch.

Zwei Stunden später ist der Grüne Veltliner ‘Ried Schön’ relativ kristallin geworden. Nichts ist mehr da vom anfänglich reduktiven Charakter, von seiner fast schon als opulent vernommenen Dichte. Es ist eine ausgesprochen pfeffrige Würze die man im Nachhall spürt, eine kräftige aber doch sehr milde Säure konzertiert das Gefühl auf der Zunge und am Gaumen. Irgendwie fühlt sich alles warm im Mund an, was aber nicht an der Trinktemperatur sondern an der physikalischen Struktur des Weines liegt. So rassig sich der Tropfen verhält, so weich und mild ist er gleichzeitig. Ich weiss jetzt bereits, dass dieser Wein bis zum Abend noch gewaltig zulegen wird. Was jetzt an ‘Fruchtgeschmack’ vorhanden ist, lässt sich sehr einfach auf den von frischen grünen Äpfeln reduzieren. Der Rest ist Steinaroma bis in die letzte Beerenritze. Begleitet von einer grünen Aromatik die an eine Sommerwiese erinnert.

Am späten Nachmittag trinkt sich der Ried Schön komplett anders als am Vormittag. Er hat Dichte und Rasse, ist physisch spürbar im Mund mit seiner grüngelben Aromatik und seinem aufregenden Zusammenspiel von Säure und Struktur. Was sich saftig anfühlt und über die Zungenränder abfliesst ist glasklar, geschliffen und doch überraschend weich. Es fühlt sich an wie gedopter Grüner Veltliner, extraktreich einerseits und gleichzeitig strahlend wie Kristallglas. Er hat Fülle und fühlt sich irgendwie sogar erdig-würzig an. Er zieht warm und mild über den Gaumen und lässt dabei noch einmal sein rassiges Säurespiel aufblitzen. Im Nachhall ist er leicht pikant und steinig und regt dezenten Speichelfluss an.

Resümee: Martin Muthentalers Ried Schön ist kein Grüner Veltliner von der Stange, keiner den man erwartet und keiner der sich mit anderen vergleichen lässt. Er ist ein Unikat, das Gegenteil von ‘typisch’ und eigenwillig charaktervoll. Ein Wein mit Herz und Seele, der für 22 Euro käuflich zu erwerben ist. Den Rest der Flasche lasse ich bis morgen stehen weil ich sicher bin, dass dieser Tropfen ein Langstreckenläufer ist und ich dann noch einmal einen völlig anderen Wein erleben werde.

Tipp: 2 Stunden mindestens in die Karaffe, besser vier. Noch besser überhaupt erst am nächsten Tag? Reine Ansichtssache. Mit 12-14º, keinesfalls zu kalt geniessen. Zu Wiener Schnitzel und zur Brettljause. Universell einsetzbar und als Solist ein Tropfen der Aufmerksamkeit will.

Einen Bericht über den Ried Schön lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Grüner Veltliner Ried Schön 2010 von Martin Muthenthaler aus Mühldorf in der Wachau in Österreich. Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle zur Verfügung gestellt.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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