Pó de Poeira Douro tinto 2010

| 1. April 2013 | 0 Kommentare ...alles

Kein Wein für Dandys.

Nur wer erleben will wie stark und doch gesittet sich feingewirkte Tannine im Mund zeigen können und wie saftig und doch erdig Wein sein kann, wird mit diesem Tropfen seine Freude haben.

Winzer/Weingut: Jorge Moreira, Poeira, Provesende, Portugal.

Lage/Herkunft: Von den steilen Schieferterrassen über dem kleinen Dorf Piñhao im Dourotal.

po de poeira tinto Flasche/Etikett: Auch auf dieser braunen Bordeauxflasche klebt ein relativ kleines quadratisches Etikett, welches dank seiner minimalistischen Art äusserst ansprechend ist. Oben wieder Jahrgang und tinto, in diesem Fall ergänzt mit dem Hinweis Douro. Unten wieder pó de poeira in entsprechend grosser Typo. In der Mitte wieder das weinrote Tuch, das sich hier aber nicht wie beim Branco quer über das Etikett schlängelt, sondern als ganzes Stück aufgefaltet dargestellt wird.

Erst jetzt kommt mir der Gedanke, dass das Tuch ein möglicher Bezug auf den Namen Poeira, was ja bekanntlich soviel wie Staub heisst, sein könnte. In diesem Fall wäre es ein sehr subtiles Wort- und Bildspiel. Ich werde Jorge fragen ob ich richtig damit liege. Am hohen Rückenetikett steht auch auf dem Tinto alles Wissenswerte in portugiesisch und ein spezielles Siegel mit Douro DOC zeigt wieder Herkunft und den Status an. Da der Wein im Grunde noch ein junger Hüpfer ist, kommt er für eine Stunde in den Dekanter um sich ein wenig auszutoben.

Im Glas: Fast schwarz steht der Wein im Glas, an den Rändern blitzen rötlichviolette Reflexe auf. Der Saft sieht dick aus und fliesst nur langsam an der Glaswand wieder ab.

In der Nase: Die Nasenflügel ziehen erdige Würzigkeit, viel Tabak und Leder sowie ein ganzer Bottich an dunkelsten Beerenfrüchten hoch. Saftiger Weichselduft ist dabei, vornehmes Holz ebenso. Eine feine Kräuternote steht im Glas. Auch ein wenig Pflaume und Lakritze strömt ins Riechorgan und insgesamt fühlt es sich frisch an in der Nase. Trotz dieser gewaltigen Aromenvielfalt fühlt sich alles leicht und fein an, nichts was einen erschlägt oder gar die Nase verklebt. Die Würze ist elegant, die Fruchtaromen trotz ihrer Präsenz feingewirkt und Holz- und Lederaromen stehen unaufdringlich daneben ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es riecht saftig frisch und bläulich kühl.

Im Mund: Nach neunzig Minuten wird der Wein dann mit Verspätung (die endlos lange Schnüffelei ist schuld) angetrunken und was auf die Zunge kommt ist schlichtweg ergreifend im wahrsten Sinn des Wortes. Was hier an Gerbstoffen freigesetzt wird ist schon eine echte Wucht. Nicht dass sie hart und ungeschliffen oder gar wild und rustikal wären, das sind sie nicht. Sie sind seidig weich und doch dermassen zupackend, dass man den Druck im Mund richtig spürt. Völlig überraschend ist die frische Säure mit der sich der Tinto auf der Zunge ausbreitet, sie förmlich ‘sticht’ und im selben Augenblick kräftig am fruchtigen Aromenrad dreht. Man spürt die Kraft die dieser Wein hat, der wundersamerweise überhaupt nicht dick oder heiss wirkt. Vielmehr wundert man sich über diese kühle Frische im Mund und schmeckt einer Erdigkeit hinterher, die sich sehen bzw. fühlen lassen kann. Man ist im ersten Augenblick ausschliesslich damit beschäftigt all diese Eindrücke zu sortieren und heraus zu finden, was sich da im Mund abspielt.

Sobald man sich ‘gefunden’ hat kann man sich daran machen den Pó de Poeira tinto eingehender zu erkunden. Man spürt dann diese Erdigkeit die er in sich trägt, man schmeckt das elegante Holz heraus und wie sich die präsente Säure und der Korb voll dunkelroter Früchte auf der Zunge entleert. Alles eingebettet in einen Gerbstoffmantel der sich frisch, kühl, kräftig und doch feingewirkt anfühlt. Was bleibt ist ‘blauer’ Geschmack der von kräftigen Tabak- und Ledernoten schwadroniert wird. Mit zunehmender Luft wird der Tinto runder, saftiger und noch ausgeprägter in seiner gesamten Aromatik. Er wirkt tief, komplex und mächtig. Dabei bleibt er trotzdem feingewirkt und frisch, auch wenn er richtig Dampf im Kessel erzeugt. Was diese gefühlte Geschmacksexplosion gekonnt abrundet ist eine freche Kräutrigkeit, welche sich unter all die kräftigen und sehr ausgeprägten Aromen mischt. Ich werde dem Tropfen zwei weitere Stunden im Dekanter gönnen und dann schauen wie er sich entwickelt hat.

Der Tinto wirkt jetzt wie verwandelt, ist saftig süffig geworden, füllt den Mund so richtig aus, fühlt sich voll und erfrischend lebendig an und neckt mit einer noch frecheren Kräuternote. Auch die Beerenaromen und die erdige Würze haben sich jetzt besser arrangiert und sind sprichwörtlich ineinander verwachsen. Die Gerbstoffe sind weicher geworden, fühlen sich sanfter und seidiger an, haben aber nichts an Frische verloren. Über den Gaumen zieht ein herber, würziger Hauch hinweg, im Nachhall spürt man wieder eine ledrige Bitternote und ein paar Tropfen saftiger Beerenfrucht. Der Wein wächst an der Luft und nimmt ständig zu was Saft, Kraft und Muskeln angeht.

Resümee: Eines steht mit Sicherheit fest: Der Tinto ist kein Wein für fruchtverwöhnte Dandys. Wer Angst vor Gerbstoffen hat der lasse besser seine Finger von ihm. Wer allerdings erleben will wie sich kühle Seide im Mund anfühlt, wie stark und doch gesittet sich feingewirkte Tannine im Mund präsentieren können und wie saftig und doch erdig Wein sein kann, der wird mit dem Pó de Poeira tinto seine helle Freude haben. Um die 15 Euro kostet dieser Rotwein mit Charakter und Persönlichkeit und ist jeden einzelnen davon mehr als wert.

Tipp: Wollen Sie ihn ‘von Beginn an’ kennenlernen, geben Sie ihm eine Stunde im Dekanter. Wollen Sie den Tropfen in vollem Saft erleben, dann lassen sie ihn ruhig drei, vier Stunden an der Luft bevor er in die Gläser kommt. Um die 16-18º zu kräftigen Fleischgerichten oder auch Geschmortem geniessen.

Einen Bericht über den Pó de Poeira tinto lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Pó de Poeira tinto 2010 von Jorge Moreira aus Provesende, Portugal.

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Kategorie: Jorge Moreira, Verkostet

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