Pithos bianco 2010 IGT

| 16. Juni 2012 | 0 Kommentare ...alles

Morbides Weinerlebnis.

Kein Wein für Weicheier. Amphorenwein der Erfahrung fordert. Wer sich ihm öffnet und ihn ‘machen’ lässt, der erlebt sein vinophiles Wunder.

Winzer/Weingut: Azienda Agricola COS, Vittoria, Ragusa, Sizilien.

Lage/Herkunft: Aus der Region um Bastonaca auf 250m Seehöhe in Vittoria/Ragusa, im Südosten Siziliens.

Flasche/Etikett: Das klassische Corporate Design wird auch auf diesem Etikett konsequent umgesetzt und verleiht dem Stück Papier dieses so typische italienische Flair, welches eine zeitlose Eleganz ausstrahlt. Es macht die Flasche zu einem Hingucker und vereint den geschichtlichen Hintergrund der Flaschenform mit ansprechender grafischer Stilistik auf harmonische Weise.

Im Hintergrund wie gehabt die architektonische Silhouette, darüber in klassischer Schreibschrift-Typo alles Wesentliche, nur dass der Name Pithos hier in goldorange statt rot aufgebracht ist. Über all dem Azienda Agricola COS in grossen Kapitalen und der Jahrgang, sowie die Flaschennummer 3396/9866. Wir haben zwei davon.

Der Pithos ist ein Wein der reichlich Luft braucht um seine ganze Persönlichkeit entfalten zu können. Deshalb kommt er für eine Stunde in die Karaffe und darf dort Wiener Luft schnuppern bevor er zum Antrunk in das Glas kommt.

Im Glas: Nach einer Stunde wird eingeschenkt und der Wein, der schon in der Karaffe ob seiner Farbe fasziniert hat, strahlt im Glas in einem richtig satten Gelb. Fast wie ein leicht orange angehauchter Goldbarren. Intensiv wie selten ein Wein zuvor. Man will reinbeissen.

In der Nase: Um ehrlich zu sein, hatte ich meine Nase bereits unmittelbar nach dem Umfüllen in die Karaffe gesteckt und war schockiert, denn es hat darin ‘gestunken’ wie in den Katakomben der Kaisergruft. Jetzt, nach einer Stunde, ist das immer noch kein ‘Frühlings- oder Sommerduft’, es ist vielmehr diese Morbidität die beeindruckt. Es riecht nach Apfel- und Birnenschalen die fast ‘hinüber’ sind, es riecht nach über-überreifem Steinobst. Dazu muss man eines schonungslos sagen: Wer nicht gewillt ist seine Sinne auf ‘Reset’ zu stellen und sich zu ‘was zu trauen’, den wird das Bukett des Pithos ins vinophile Nirvana befördern. Man muss so etwas wollen. Hier gibt es kein vielleicht, ein wenig, etwas, usw. Nur ja oder nein. Ohne Alternative.

Im Mund: Kaum auf der Zunge angekommen fragt man sich was das hier ist. Erstens zieht der Pithos wie Buttercreme über die Lippen um sich dann vollkommen säurelos zu präsentieren. Zumindest fühlt es sich so an. Wäre der Wein rot wäre ich nicht verwundert über diesen Anflug von Gerbstoffen. Ebenso wenig von der leicht mandeligen Note die er freisetzt. Unverkennbar das kurz vorm Kippen stehende, überreife Steinobst, eine Morbidität die erschreckt und gerade deshalb ein Erlebnis im Mund ist, das neugierig macht, nach mehr verlangt. Ich gestehe noch nie zuvor solchen Wein getrunken zu haben. Ist das überhaupt Wein? Es schmeckt so… völlig anders, spartanisch, puristisch, vollkommen auf das Minimum reduziert und doch, oder erst recht deswegen, so komplex und faszinierend. DAS ist ein echtes Weinabenteuer!

Aufgrund der so gut wie fehlenden Säure und ob seiner weichen, cremigen Konsistenz wirkt der Pithos noch trockener als er ohnehin schon ist. Trotz seiner Cremigkeit ist er aber weder üppig noch opulent, er wirkt leicht, feingliedrig und fast irgendwie spröde.

Nach 1 1/2 Stunden an der Luft wird die Nase würziger, mehr von Frucht begleitet, das Morbide löst sich ein wenig auf, wird weicher, flüchtiger. Das absolute Highlight ist aber das feine Gerbstoffgerüst des Pithos. Der Wein wird eleganter, sogar erfrischender. Es braucht Zeit bis man sich daran gewöhnt und vor allem bewusst realisiert hat, dass man hier auf komplett anderen ‘Weingleisen’ unterwegs ist. Es ist ein kühler Wein und er ist mit nichts was man kennt zu vergleichen. Ähnlich säurearm kommt nur ein Viognier daher, schmeckt aber im Vergleich zum Grecanico aus der Amphore völlig anders. Irgendwie hat man beim Pithos aber nicht das Gefühl man trinke Wein. Es ist etwas dazwischen. Zwischen trockenem Sherry und einer trockenen Auslese. Klingt blöd, ist aber so. Ich mag den ‘Sizilianer’. Weil er anders ist, weil er Charakter hat und weil er den Mut hat zu stinken und einen richtig herauszufordern.

Resümee: Mit seinen 12% ist der Pithos bianco eine erfrischend leichte Wohltat, verführt mit weicher Konsistenz und aussergewöhnlicher Aromatik. Verzaubert ob seiner cremigen Milde die er kühl in den Mund trägt und schmeichelt dem Gaumen mit einem Hauch von Bittermandel im Abgang. Zurück bleibt Ratlosigkeit ob dessen was man da gerade getrunken hat, Verwirrtheit ob fehlender Säure, dafür aber präsenter Tannine, und dem grossen Fragezeichen, was das alles wirklich ist. Der Wein ist jung und schmeckt doch so ‘alt’, er wirkt alt und ist die Jugend in Person. Wein der fordert, einen zwingt sein Weinverständnis zu hinterfragen und nichts für Leute ist, die uniformen und risikolosen Weingenuss suchen und wollen. Wer aber den berühmten Reset-Knopf drückt dem winkt Einlass in ein Reich von Weinen, die er so nicht kennt und entsprechend selten in der Zukunft finden wird. Um mehr als gerechtfertigte 18-20 Euro ist dieses Weinoriginal käuflich im gut sortierten Handel zu erwerben.

Tipp: A) Werfen Sie Ihre Geschmacksdatenbank aus dem Fenster B) Geben Sie dem Wein mindestens 1 Stunde in der Karaffe, besser zwei (ausser Sie haben zwei Flaschen und wollen sich die Entwicklung dieses Tropfens nicht entgehen lassen) C) Bei 12-14º trinken. Ganz wichtig, dass der Wein nicht zu warm wird D) Schliessen Sie die Küche, öffnen Sie die Antipasti-Töpfe oder erleben Sie dieses Weinoriginal einfach pur. Auch wenn Sie am Anfang eine ‘Nasenklemme benötigen’, Sie werden sich am Schluss verlieben in den ‘Sizilianer’ aus Ragusa.

Einen Bericht über den Pithos bianco IGT 2010 lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Pithos bianco IGT 2010 von der Azienda Agricola COS aus Vittoria in der Region Ragusa, Sizilien.

Tags: , , , , ,

Kategorie: Az. Agricola COS, Verkostet

Ihr Kommentar