Nebbiolo Langhe ‘Maggiur’ 2009

| 29. November 2012 | 0 Kommentare ...alles

Wein mit zwei Gesichtern.

Der Wein hat zwei Gesichter und zeigt beide in unverschämter Ehrlichkeit. Nichts für Warmduscher oder Freunde fröhlich-freundlicher Tropfen.

Winzer/Weingut: Cascina Luisin, Barbaresco/Piemont, Italien.

Lage/Herkunft: Von mehr als 60 Jahre alten Rebstöcken aus dem Ortsteil Rabajà in der Gemeinde Barbaresco.

Flasche/Etikett: Ein elegantes cremefarbiges Etikett ziert die leicht modifizierte Burgunderflasche. Farblich ebenso auf edel getrimmt ist die Beschriftung in gold und weinrot, sowie die senfgelb eingearbeiteten Initialen der Cascina Luisin. Ein insgesamt klassisch und vornehm wirkendes Etikett auf dem alles was es zu wissen gibt aufgebracht ist ohne überladen zu wirken. Abgerundet wird das Ganze durch eine zarte weinrote Rahmung. Als ‘Krönung’ ist die Flasche mit einer eleganten goldgelben Halskrause überzogen.

Um die ‘Diva’ aus dem Piemont auch ebenso zu behandeln, darf sie für zwei Stunden in den Kristalldekanter um sich entsprechend vorzubereiten und ‘ausgehfein’ zu machen. Gut Ding braucht Weile und spröde Schönheiten wie ‘Maggiur’ natürlich ebenso. In der Zwischenzeit polieren wir die grossen Kelche, denn die Diva braucht viel Luft um sich perfekt zu präsentieren.

Im Glas: In prächtigem Rubinrot steht der Maggiur im Glas, sehr klar und mit bräunlich-orangen Tönen beim Schwenken. Äusserst transparent leuchtet einem der Nebbiolo entgegen.

In der Nase: Freche Sauerkirsche hüpft aus dem grossen Kelch in die Nase und auch eine höchst frische Würze dampft sich aus im Glas. Man riecht sehr schön das Holz, welches dem Ganzen eine überaus rassige Note verleiht. Insgesamt duftet es recht kräftig in der Nase, der Wein hat nach zwei Stunden im Dekanter richtig Fahrt aufgenommen und verströmt voll Stolz seinen eindrucksvollen und auch expressiven Duft. Man spürt wie sich im Mund die Schleimhäute regen und der ‘Wasserspiegel’ steigt.

Im Mund: Sauer, ist der erste Gedanke der einem einschiesst wenn der Maggiur auf die Zunge kommt. Doch halt! Da ist noch mehr. Jetzt ist er ultraherb. Und quietschvergnügt nach Weichseln schmeckend. Geht das überhaupt? Und wie! Staubtrocken kommt der Maggiur auf die Zunge, pinselt den Gaumen förmlich mit seiner herben und spröden Textur vollständig ein und fühlt sich fast bitter an. Er unternimmt alles um unsympathisch zu wirken und kurz bevor man zustimmt drückt er auf die Tube und spritzt einem frische Sauerkirsche auf die Zunge. ‘Beisst’ man sich durch den Wein durch, so stellt man überraschenderweise fest, dass, wenn er fest gepresst wird, eine fast süsse Note austritt und dem Ganzen eine richtig saftige Komponente verleiht. Der Maggiur verwirrt (auch deshalb weil er aktuell ganz ohne feststoffliche Begleitung verkostet wird) und stellt uns vor eine echte Herausforderung.

Erst jetzt fällt auf wie spröde sich die Gerbstoffe ihren Weg über den Gaumen bahnen, wie ungehobelt sie wirken und wie fein sie doch sind. Kein Widerspruch, einfach Tatsache. Je mehr der Maggiur ‘atmet’ umso feingliedriger wirkt er und umso fragiler fühlt er sich im Mund an. Immer mehr gesellt sich zu der bitteren Note im Nachhall eine freche, fast saftige Süsse im Abgang dazu. Der Wein hat zwei Gesichter und zeigt beide in unverschämter Ehrlichkeit. Ein Wein für Könner und für Leute die das Abenteuer mögen. Im Kelch duftet es immer mehr nach einer Mischung aus Sauerkirsche und Vanille. Fast wie Pudding der mit Schokoladeraspeln dekoriert ist. Nur dass hier feinstes Holz diese Deko übernimmt. Ich fange an den Maggiur zu mögen und stelle mir vor, was ich zum zweiten Teil der Flasche kochen werde. Denn dieser Wein benötigt Essbgeleitung. Am besten heftig, deftig, rustikal, denn genauso ist der Maggiur und somit für Warmduscher völlig ungeeignet.

Resümee: Während die Zunge nach wie vor mit der bitteren Note beschäftigt ist und der Gaumen ob der Trockenheit des Maggiurs das ‘Handtuch geworfen’ hat, fühlt man dem Tropfen förmlich hinterher und versucht ihn irgendwie einzufangen. Zuerst verwirrt von der bitteren und spröden Note will man sie plötzlich konservieren und nicht mehr loslassen. Sie macht Spass, animiert, regt den Appetit an, löst Speichelfluss aus und tut alles womit man nicht gerechnet hat. Der Maggiur entwickelt sich zum ‘Maggi(e)r’. Den ‘Zaubertropfen’ gibt es schon unter 13 Euro und wer gewillt ist mit einer Flasche Wein mehr als zwei, drei Stunden zu verbringen, der kann dem Maggi(e)ur bei seinen Verwandlungskünsten kostengünstig zusehen. Ich denke ich werde am Abend einen fetten Braten mit Speck und Knödel zelebrieren, auf die Kalorien ‘husten’ und den Rest der Flasche dazu geniessen.

Nachtrag: Nachdem das Abendessen ausfiel gab es den Rest der Flasche am nächsten Tag zu besagtem Braten. Nach ebenfalls zwei Stunden in der Karaffe. Der Maggiur hat einfach umgehauen vor herber Saftigkeit!

Tipp: Unbedingt für wenigstens 2 Stunden in den Dekanter mit dem Tropfen. Oder besser drei oder vier oder fünf! Bei 16-18º geniessen. Am zweiten Tag eine Wucht! Zu heftig-deftiger, vor allem fettreicher Küche bestens geeignet. Solo nur für Könner und echte ‘Abenteurer’. Die dann aber auch wirklich echte Abenteuer erleben.

Einen Bericht über den Nebbiolo ‘Maggiur’ lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Nebbiolo Langhe ‘Maggiur’ 2009 von der Cascina Luisin, Barbaresco, Italien. Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle zur Verfügung gestellt.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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