Mittelheim St. Nikolaus 2010

| 31. März 2014 | 0 Kommentare ...alles

Grandiose Vintage-Haptik.

Wein den man nicht schlucken, sondern lange mit ihm spielen möchte. Herrliche Patina macht ihn noch unwiderstehlicher. Grosser Riesling.

Winzer/Weingut: Peter Jakob Kühn, Oestrich-Winkel/Rheingau, Deutschland.

Lage/Herkunft: Von den Lössböden der Lage Mittelheim, 150 Meter vom Rheinufer entfernt.

PJK 2010 Mittelheim St. Nikolaus Flasche/Etikett: Die schwere braune Schlegelflasche ziert das unverkenn- und unverwechselbare Etikett der Weine von Peter Jakob Kühn. Eine schräg gestanzte Banderole, die sich von links oben nach rechts unten erstreckt. Links oben das goldene Siegel des VDP, dessen Mitglied PJ Kühn ist und unterhalb Rheingau. In feiner geschwungener Schrift Peter Jakob Kühn ganz gross in der Mitte und unterhalb die Lage mit den obligaten drei Trauben, welche für die Grosse Lage stehen. Derr Rest an Information steht unaufdringlich unterhalb und informiert über alles was man sonst noch wissen sollte. Am kleinen Rückenetikett ein paar kurze Anmerkungen zur Philosophie des Weinguts und das demeter- sowie das Bio-Siegel. Eine goldene Halsmanschette mit dem Eindruck des VDP-Logos rundet die elegante Erscheinung stilvoll ab. Die Erfahrung (speziell jene mit dem St. Nikolaus) hat gezeigt, dass PJ Kühns Weine gerne etwas Luft aufnehmen und deshalb kommt der ‘Nikolaus’ für zwei Stunden in die Karaffe.

Im Glas: Fort Knox im Glas. Mehr Gold geht nicht. Wie ein flüssiger Goldbarren steht der Mittelheim St. Nikolaus im Glas und schmiert sich langsam in einem dichten Film an der Glaswand hinunter.

In der Nase: Ein fast schon typischer ‘Kühn-Duft’ strömt einem kraftvoll die Nase hoch. Dicht verwobene gelbe Exotik, einerseits florale Noten, gleichzeitig aber auch diese bekannte gelbe Würze die einen richtiggehend betört. Reife Birne, etwas Orangenschale, ein wenig Chinin, dichte, saftige Struktur in der Nase. Feine heftig-nussige Note über allem, eng verwoben mit gelber Würze. Ich könnte mich ertränken in diesem Nektar der so opulent aus dem Glas dampft.

Im Mund: Phänomenal ist der erste Eindruck auf der Zunge. Weich fliesst der St. Nikolaus auf sie, um sich augenblicklich mit einer höchst animierenden, im vollen Körper eingebetteten Mineralik über den ganzen Mundraum zu entfalten. Ist das freche Säure oder Salz das auf der Zunge steht und über sie abfliesst? Es ist Salz entscheide ich nach dreimaligem ‘schmecken’ und lecke mir belämmert über die Lippen, weil ich nicht genug davon bekommen kann. Erst dann kommen die gelben Aromen zum Vorschein, Matschbirne taucht wieder auf, etwas gedörrt, ebenso wagt sich wieder diese feine Hefe-Nuss-Note hervor. Es ist ein komplexes, vielschichtiges, aufregendes und beeindruckendes Schauspiel, das sich im Mund abspielt. Man schmeckt die Farbe Gelb förmlich, man kann sie riechen und sogar spüren. Mineralität und gelbe Würze vereinen sich in einem festen Körper mit weichem Kern, zeigen sich lebhaft auf der Zunge.

Kein Schluck beginnt, ohne vorher nicht die Nase ins Glas gesteckt zu haben. Zu betörend ist der Duft des ‘Nikolausis’. Je mehr Luft der Mittelheim St. Nikolaus aufnimmt umso stoffiger wird er auch. Druckvoll steht er auf der Zunge, breitet sich aus auf ihr ohne schwer oder gar breit zu wirken. Am Gaumen spürt man eine ganz leichte Phenolik, superfein, wie ein Hauch von warmer weicher Erde. Im Abgang das volle Programm an gelber Exotik. Gedörrte Birne mit einem ‘Schuss Nuss’ im Gepäck, etwas Hefe, etwas Florales, etwas Würze. Als würde man in einem grossen Bottich rühren und beim Verkosten jedes Aroma einzeln schmecken. Der St. Nikolaus ist so vielfältig, so animierend dank seiner salzig-fruchtigen Mineralik, die sich so weich und füllig nicht nur über die Zungenränder, sondern über die ganze Zunge wälzt. Man sticht in sie hinein wie in ein Stück Softgum und grinst debil, wenn man ganz plötzlich die saure Füllung spürt. Nur dass sich diese ‘Füllung’ erheblich dichter, kräftiger und runder anfühlt.

Eine weitere Stunde später fühlt sich der St. Nikolaus noch fülliger, noch saftiger im Mund an. Es wird immer gelber, bei gleichzeitiger Zunahme an Potenz. Fülliger steht er im Mund, würziger am Gaumen, ist salzfruchtiger (fruchtsalziger?) im Abgang. Man will den Wein nicht schlucken, man will ihn ganz lange spüren, mit ihm im Mund spielen, ihn rollen, in ihn hineinstechen, ihn wenden und pressen. Man will ihn nicht loslassen weil er ‘unter Zungedruck’ noch dichter, noch opulenter in seiner Aromatik wird, ohne dabei auch nur in die Nähe von dick zu kommen.

Resümee: Es ist die Aromenopulenz die man spürt, schmeckt und die so dicht und kräftig agiert. Weich, fast cremig, mild und doch agil, füllig und doch leicht, kraftvoll und doch elegant – das alles schüttelt der ‘Nikolaus’ locker aus dem Ärmel. Ich weiss warum ich PJ Kühns Rieslinge so liebe. Sie sind unverkennbar, sie sind anders, unkonventionell und vor allem so herrlich ‘angestaubt’. Sie haben Patina und genau das macht sie so ‘vintage’. Um die 26 Euro darf man für so viel Abenteuer budgetieren, was angesichts des Budgetlochs (das zumindest in Österreich ja gar nicht existiert) einfach lächerlich ist.

Tipp: Schwer. 1 Stunde um ihn anzutrinken. 2 Stunden wenn Sie den ‘Vorspann’ überspringen wollen. 3 Stunden wenn Sie voll in den Film einsteigen möchten. Liegt an Ihnen. 10-12º gefallen ihm. Zum Essen? Geht er, keine Frage. Für mich persönlich ein Wein den man sich solo gönnt und für ein paar Stunden die Hektik des Alltags mit Stil und Klasse hinter sich lässt.

Einen Bericht über den Mittelheim St. Nikolaus lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2010 von Peter Jakob Kühn aus Oestrich-Winkel im Rheingau, Deutschland. Bezugsquelle: Bio Wein Online, Steiermark, Österreich.

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Kategorie: Bio Wein Online, Verkostet

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