Les Graviers 2012

| 18. Februar 2015 | 0 Kommentare ...alles

Interstellarer Raumgleiter.

Sauber, kalkig, aromatisch. Chardonnay ist eine Sache, Chardonnay von Stéphane Tissot ist Kult. Man mag es oder hasst es, take it or leave it.

Winzer/Weingut: Stèphane Tissot, Montigny-les-Arsures/Jura, Frankreich.

Lage/Herkunft: Von verschiedenen Parzellen mit Lehm- und Kalkmergelböden aus der Region Arbois.

Les Graviers Flasche/Etikett: Das Etikett das auf der Sachsenkeule klebt ist in der Zwischenzeit bekannt. Ganz oben LES GRAVIERS in Grossbuchstaben mit einem goldenen Balken unterstrichen und der Jahrgang quer gedruckt, ebenfalls mit einem goldenen Unterstrich versehen. Von links nach rechts ragt eine alte Weinpresse in hellem grau in das das gelbliche Etikett hinein. Unten im rechten Eck Bénédicte & Stéphane Tissot und das war’s dann auch schon wieder vorne. Am hinteren Stück Papier ganz oben Chardonnay 2012 und die Erklärung, dass Les Graviers eine Selektion von verschiedenen Parzellen ist. In französisch selbstverständlich. In der Mitte ganz gross und fett Arbois, damit man weiss woher der Wind weht der Wein kommt und alles was sonst noch angeführt sein muss. Eingefasst ist die Flasche von einer knallgelben Kopfmanschette die der Sache Pepp verleiht. Stéphane Tissots Weine brauchen durch die Bank einen guten Happen Luft und deshalb kommt auch der Les Graviers bevor er angetrunken wird zuerst einmal für eine Stunde in die Karaffe.

Im Glas: In kräftigem strohgelb dreht der Les Graviers seine Runden im Burgunderbecher.

In der Nase: Unverkennbar der Duft: Tissot + Jura + Chardonnay in altbekannter Kombination. Birnen und Äpfel, harmonisch vereint und weniger extrem wie von den Einzellagen. Hier steht ein “Gemisch” von unterschiedlichen Parzellen im Glas und duftet entsprechend komplex und betörend in der Nase. Salzig ist es, wie üblich, ausgesprochen mineralisch und klar. Im Gegensatz zu den anderen Chardonnays Stéphane Tissots riecht der hier schon fast schüchtern. Ein feiner Nebel von Lehm und Kalk schwebt obenauf und über allem steht eine frische grüne Nuss die dem Les Graviers ein pikantes Element verleiht.

Im Mund: Salz + Säure ergibt nicht immer Salzsäure. In diesem Fall strömen beide einzeln mit einer unheimlichen Klarheit in den Mund. Augenblicklich zuckt die Zunge zusammen ob des Salzes das da auf ihr steht, und dann schiebt auch noch eine Säureader nach die kristallin und rassig ist. Was im ersten Augenblick sauer erscheint entpuppt sich nach zwei bis drei Sekunden als animierend saftiges wie extrem mineralisches Schauspiel. Am Ende spürt man sogar einen Tick von Süsse nachwehen. Was für ein Erlebnis! Die Zunge rollt sich vor Begeisterung und wässerst sich selbst vollständig ein, an den Rändern sind das keine Zitronen sondern pures Salz das abfliesst und der Gaumen fühlt sich fast vernachlässigt ob des Theaters das auf der Zunge aufgeführt wird. Erst nach und nach merkt man wie die grüne Nuss den Mundraum ausfüllt und wie sie lang am Gaumen stehen bleibt um ein völlig konträrers Gefühl zu jenem das auf der Zunge vorherrscht herzustellen.

Wie eigentlich erwartet, verwandelt sich der Les Graviers mit der Zeit immer mehr zu einem ausgesprochen kalkig-dominierten Tropfen. Nach zwei Stunden in der Karaffe steht plötzlich ein komplexer, vielschichtiger Wein auf der Zunge, die Säure und das Salz haben sich zusammengerauft und treten nun als kompaktes Duo auf. Birne und Apfel sind nach wie vor da, die grüne Nuss hat sich zum Herrscher über den Geschmack gemacht. Jetzt ist quasi Zeit fürs Hauptabendprogramm. Der Tropfen macht auf wichtig und zeigt sich aromatisch nussig, tunkt die Zungenspitze in saftigen Extrakt und lässt am Gaumen endlos lang seinen feinen weissen Nebel abziehen. Im Abgang nussig-zitronig, betörend, schaurig schön und begehrenswert. Man mag es oder hasst es, es gibt kein “vielleicht” oder was auch immer. Take it or leave it. I love it.

So blöd es sich auch anhören mag, der Les Graviers vermittelt einem immer mehr den Eindruck, dass das was letztlich auf der Zungenspitze stehen bleibt als süss emfunden wird. Fast so als würde ein letzter Rest von Zucker irgendwo übrig geblieben sein. In Kombination mit der salzigen Mineralität und der frischen Säure ergibt das ein Gefühl der Wonne, man liebt es wenn es neckt und schmeichelt und will mehr davon. Der Gaumen freut sich über die grüne Nussigkeit die so pikant und aromatisch ist und alles zusammen fühlt sich einfach wunderbar an. Der Nachhall ist sauber, kalkig, aromatisch. Chardonnay ist eine Sache, Chardonnay von Stéphane Tissot ist Kult. So oder so.

Resümee: Was der Les Graviers ablässt sobald er seine Reiseflughöhe erreicht hat, ist schlichtweg ein Furioso von Eindrücken. Wenn man verstanden hat wie man diese Weine “fühlen” muss, dann gibt es auch kein Halten mehr, denn dann ist man ihnen längst verfallen und kommt ganz einfach nicht mehr los davon. Der Rest der Flasche kommt am Abend “dran” und ich weiss jetzt bereits, dass dann ein Wein im Glas stehen wird, der das Zeug zum interstellaren Raumgleiter hat. Ich persönlich muss nicht so hoch fliegen, es reicht mir wenn ich mich in Stéphane Tissots Weinen auf dem Planeten Erde ertränken kann.

Tipp: Zwei bis drei Stunden Luft sind wunderbar. Mit 10-12º aus dem grossen Burgunderglas geniessen. Fisch, weisses Fleisch, Hartkäse und regionale Küche begleitet er blind. Als Solist ein Wein der das Leben einfach schön macht.

Einen Bericht über den Les Graviers lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Les Graviers 2012 von Stéphane Tissot aus Montigny-les-Arsures im französischen Jura.

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Kategorie: Stéphane Tissot, Verkostet

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