‘La Mailloche’ Arbois 2006

| 29. Oktober 2011 | 0 Kommentare ...alles

Nicht von dieser Welt.

Ein Chardonnay der untypischer nicht sein kann und eine echte Herausforderung für jeden Weinfreund mit Abenteuerlust darstellt.

Winzer/Weingut: Stéphane Tissot, Montigny-les-Arsures, Jura, Frankreich.

Lage/Herkunft: Der ‘La Mailloche’ stammt von einer Parzelle alter und junger Reben von den Hügeln rund um Arbois, im Herzen des französischen Jura.

Flasche/Etikett: Die eigenwillige Form der Flasche erfreut das an die übliche Einheitsoptik gewöhnte Auge. Am Flaschenhals die Herkunft aufgeprägt, klebt auf der nach unten hin schlanker werden Flasche ein grafisch ansprechendes Etikett mit einer stilisierten Weinpresse. Der Name des Weines und des Winzers vorne, der Rest an Information am Rückenetikett. Klar und einprägsam, ein echter Aufputz.

Im Glas: Bevor der Wein ins Glas kam wurde er in die Karaffe umgefüllt und für eine Stunde stehen gelassen. Schon hier die erste Überraschung. Der Wein perlt. Ganz ganz fein, wie feinster Champagner. Unglaublich schön anzusehen. Nach nicht ganz einer Stunde wird aufgrund mangelnder Geduld eingeschenkt. Im Glas dann, wie schon in der Karaffe, strahlendes flüssiges Gold. So tief und dicht und intensiv, dass man darin abtauchen möchte.

Beim Schwenken legen sich schöne Kirchenfenster an und es folgt gleich die zweite Überraschung; sie gleiten irgendwie an sich selbst ab. Als wenn ein Ölfilm zwischen Wein und Glas liegen würde. Ein faszinierendes Schauspiel.

In der Nase: Was dann kommt, ist eine äusserst interessante Erfahrung. Ich habe doch schon einige Chardonnays gerochen, aber so etwas hat meine Nase noch nicht erlebt. Nichts von all den Aromen die ich erwartet hätte und die ich von Chardonnays gewohnt bin waren hier vorhanden. So üppig und voll, ölig und intensiv ziehen die Aromaschwaden die Nasenwände hoch. Selten zuvor war ich vor dem ersten Schluck so ratlos bezüglich dem was mich erwarten sollte wie bei diesem Chardonnay.

Nussig, nach frischem Gebäck riecht es. Trotz einer gewissen Frische ein angenehm warmer Geruch. Nie zuvor so etwas gerochen. Während ich die extra für diesen Wein gekaufte Gascogner Pastete geniesse, stecke ich meine Nase immer wieder ins Glas weil ich nicht glauben kann was da herausströmt. Getrunken habe ich noch nicht. Ich bin einfach zu fasziniert von diesem Bukett. Irgendwie kommt mir Omas Küche in den Sinn. Als sie den Teig geknetet hat und der Holzofen brannte.

Im Mund: Und dann ist es soweit. Ich muss diesen Wein schmecken und was sich da im Mund breit macht… kann ich im ersten Moment gar nicht greifen. So anders, dass man alles was man von Chardonnay weiss über Bord werfen und von vorne beginnen kann. Man schmeckt die ‘Basis’ von Chardonnay, aber zuerst denkt man unweigerlich an Hefeteig. Der Wein ist trotz seiner öligen Farbe frisch und knackig. Er hat eine sehr schöne Säure und ist trotzdem irgendwie cremig. Bei all den Eindrücken bleibt der Chardonnay aber richtig trocken. Wenn man diese völlig unerwarteten und intensiven Aromen erst ausgemacht und richtig eingereiht hat, dann blitzt der ‘typische’ Chardonnay leicht durch.

Trotz dass der Wein in der Nase konzentriert und üppig ist, entfaltet er sich im Mund als frisch und sogar etwas kühl. Leicht und trotzdem zupackend, mit festem Auftritt und gleichzeitig fein und sanft. Ein sehr angenehmes Mundgefühl wird mit einem Abgang belohnt der an duftenden frischen Teig erinnert. Aussergewöhnlich und auch irgendwie verwirrend. Ist man so etwas in der Regel doch nicht gewohnt. Geschmackserfahrungen die all jene jubeln lassen, die wirklich Neues kennen lernen wollen. Abweisend für alle, die nicht gewillt sind sich auf Neues einzulassen.

Resümee: Ich gebe zu, dass ich selbst zu wenig ‘Experte’ bin um das volle Potential dieses Weines zu begreifen und entsprechend zu bewerten. Es ist auf jeden Fall ein Wein der keine Kompromisse zulässt. Entweder man mag ihn, oder man mag ihn nicht, weil man ganz einfach nicht mit ihm ‘kann’. Dieser Wein ist definitiv nichts für Leute die Gewohntes suchen und wollen. Dieser Wein ist für all jene Weinfreunde gemacht die ihren Horizont erweitern und sich auf geschmackliche Abenteuer einlassen wollen. Entdecker sind hier gefragt. Und gefordert. Der ‘La Mailloche’ ist dermassen weit weg vom Massengeschmack und somit ebenso vollkommen unmodern, dass man ihn schon wieder als Avantgarde bezeichnen kann. Wer mit diesem Tropfen Freundschaft schliesst, der hat den nächsten Level der Weinevolution erreicht.

Stéphane Tissot sagt: “Die Industrialisierung des Weins ist das Ende seiner Identität, seiner Eigenheiten, seiner Charakteristika, welche die magischen Elemente des Inhalts einer Flasche Wein ausmachen.”

Dem stimme ich zu. Auch wenn Vergleiche immer schwer sind – wenn man etwas Hässliches sieht ist man oft derartig davon gefesselt, dass man immer wieder darauf starren muss. Bei diesem Wein ist es so, dass man von so vielen ungewohnten, irritierenden und vollkommen fremdartigen Eindrücken überwältigt und in ihren Bann gezogen wird, dass man sich einfach immer und immer wieder mit ihnen auseinandersetzen will und muss. Der ‘La Mailloche’ ist kein ‘feundlicher’ Chardonnay. Er ist Individualist, ein Jackson Pollock seiner Spezies. Unangepasst und rücksichtslos eigenständig. Nach zwei Stunden intensiver Auseinandersetzung habe ich mich in diesen Wein schliesslich verliebt.

Die 13,5% sind ‘Standard’, machen sich aber trotzdem mit Nachdruck bemerkbar. Kein Wein zum einfachen trinken, sondern ein Wein der Zeit und Musse braucht um in all seinen Nuancen erfasst werden zu können. Der aussergwöhnlichste Chardonnay den ich je genossen habe. Eine Erfahrung fürs Leben, die einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Tipp: 12-14ºC würde ich empfehlen. Auf jeden Fall umfüllen und jedenfalls eine Stunde an der Luft lassen.

Einen ausführlichen Bericht über den La Mailloche lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Chardonnay ‘La Mailloche’ Arbois 2006 von Stéphane Tissot aus Montigny-les-Arsures im französischen Jura.

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Kategorie: Verkostet

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