Humagne Rouge 2009 – Chandra Kurt

| 20. Februar 2012 | 6 Kommentare ...alles

Alpinwein für Abenteuerlustige.

Wer sich über den Tellerrand hinausbeugen und auf ein Abenteuer einlassen will, der sollte einmal diesen geheimnisvollen Wein aus dem Wallis versuchen.

Winzer/Weingut: Madeleine Gay, Wallis, Schweiz.

Lage/Herkunft: Wächst auf Kalksteinböden in der Region Leytron-Saillon im schweizerischen Wallis.

Flasche/Etikett: Ein turmhohes Stück Papier auf alt getrimmt, wie aus einem alten, vergilbten Buch. Ein Stück Papier das offensichtlich eine Geschichte zu erzählen hat und dies auch tut. Ein Etikett in Sepia, mit Foto, Stempel und Banderole wie auf einem alten Dokument. Wunderschön, anders, warm und heimelig. Weit abseits vom üblichen Design-Einerlei hebt sich dieses Stück Papier besonders erfreulich hervor. Irgendwie ein Etikett welches so etwas wie Heimatgefühl vermittelt. Erdig, bodenständig und mit einem Schuss Nostalgie versehen.

Bevor der Humange Rouge jedoch ins Glas kommt wird er für eine halbe Stunde in die Karaffe geschickt um sich dort mit Sauerstoff anzureichern. Ausserdem erhöht es die Spannung die allgemein ob soviel Geheimnisvollem rund um diesen Wein herrscht. Vorfreude ist ja doch die schönste Freude und so steht der Wein jetzt da und wartet darauf entdeckt zu werden.

Im Glas: Nach 30 Minuten kommt der Humagne Rouge ins Glas um einmal angetrunken zu werden. Dabei zeigt er sich in einem dunklen Rot, brombeerfarben mit leichten Brauntönen. Eine insgesamt sehr erdige Farbe die hier im Glas leuchtet. Trotzdem ist sie nicht allzu dicht, erscheint klar und transparent und lässt tief blicken.

In der Nase: In der Nase hinterlässt der Humangne Rouge erst einmal eine gewisse Rat- und/oder Ahnungslosigkeit. Es riecht dicht, ledrig-würzig, nach nassem Boden, Holz und dunklen Beeren. Es ist ein durch und durch erdiges Bukett das schwer zu beschreiben ist weil es eben wirklich nicht alltäglich ist. Es duftet nach Gewürzen die ich aber nicht näher definieren kann. Irgendwie komme ich mir vor wie in einem orientalischen Basar. Je öfter ich meine Nase ins Glas stecke umso ratloser werde ich, obwohl der Duft immer intensiver und sympathischer wird.

Im Mund: Die Wahrheit muss also auf der Zunge und am Gaumen ans Tageslicht kommen und so wird nach einer mehr als ausgiebigen ‘Schnüffelei’ der erste Schluck genommen. Und dann… hat´s BOOM gemacht. Habe ich nasse Erde im Mund? Oder Holz? Oder beides? Obwohl es sich widerspricht holpert der Humagne Rouge ausladend mineralisch über den Gaumen und verabschiedet sich wieder trockener als ein Saharawind. Verduzt nehme ich einen zweiten Schluck um zu checken was da los war. Es ist verblüffend wie herb und humorlos trocken dieser Wein über den Gaumen fegt. Bei all dem rieselt er förmlich dort entlang und hinterlässt einen würzig-herben Nachgeschmack. Das ist kein Wein der sich über die Zunge seinen Weg sucht, er findet augenblicklich den Gaumen und präsentiert dort eine feine Säure und wunderbar weiche Tannine. Es bleiben einem nicht die Wangen an den Zähnen kleben, vielmehr präsentieren sich die Gerbstoffe samtig weich und zivilisiert. Süsse gibt es keine in dem Tropfen. Das ist echter ‘Hardcore-Wein’ für Freunde trockenen Mundklimas. Ein Wein der Fragezeichen hinterlässt und viele Fragen aufwirft.

Erste Erkenntnis; es muss etwas zum Essen her. Also wird gekocht. Holzfällersteak mit Champignons und Sauerkraut mit Speck. Der Wein schreit nach deftiger Küche. Je uriger umso besser. Und siehe, oder besser schmecke da, der Wein dazu jetzt einfach genial. Selten, dass dem Wein was fehlt, normalerweise ist es das Essen. Hier ist es umgekehrt und zum deftigen Braten ist der Humagne Rouge ein perfekter Begleiter. Er ist jetzt rund, das ‘Rieseln’ ist weg und er neutralisiert fast das Fett vom Braten. Er ist kühl, etwas reicher an Volumen, hat aber nichts von seiner Trockenheit verloren. Zum Essen aber ist er plötzlich richtig saftig und fruchtig. Ein wahrliches Mysterium in Rot.

Sicher hilfreich ist der Umstand, dass der Wein jetzt eine Stunde offen ist und reichlich Luft abbekommen hat. Er wirkt konsolidierter und dabei noch eigenwilliger als er schon vorher war. Kein Wein wie man ihn kennt und schon gar keiner dessen Geschmack man ad hoc definieren oder zuordnen kann. Genau das macht ihn aber so spannend, so geheimnisvoll. Aufgrund seines staubtrockenen Wesens merkt man so gut wie gar nichts von den 14% denen er sich heimlich bedient. Da ist nichts Üppiges, kein voluminöser Körper oder sonst etwas das darauf hindeutet. Es zischt gefährlich frisch und mineralisch trocken, dass man fast vergisst was in der Flasche schlummert.

Resümee: Insgesamt ein Wein der es wert ist ‘entdeckt’ zu werden. Von Weingeniessern die sich wirklich über den Tellerrand beugen wollen und gewillt sind einmal etwas völlig anderes zu versuchen. Dafür werden Sie mit soviel Einzigartigkeit belohnt, die sie garantiert schon lange nicht erlebt haben. Knappe 25 Euro sind nicht gerade ‘günstig’, aber das Abenteuer das es dafür gibt ist wahrlich unvergesslich.

Tipp: Geben Sie dem Wein eine Stunde an der Luft und kochen Sie deftig dazu auf. Je rustikaler umso besser. Auch zu kräftigen Käsesorten und Terrinen ein Gedicht. 14-16º sind ideal um ihn zu geniessen.

Einen ausführlichen Bericht über den Humagne Rouge lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Humagne Rouge 2009 aus der Collection Chandra Kurt von Madeleine Gay aus dem Wallis in der Schweiz.

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Kategorie: Chandra Kurt, Verkostet

Kommentare (6)

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  1. Hallo Leo,

    da hattest Du einen sehr interessanten Tropfen im Glas und ich bewundere die Worte, mit denen Du diesen rauen Gesellen beschreibst und auf die Zunge legst. Ich bin mir sicher, so manch anderer hätte diesen Wein verteufelt, wenn er keine einschmeichelnden Fruchtaromen anbietet.

    Mir fehlen in Deinem Bericht die Rebsorten (oder habe ich die übersehen?) des Weins sowie sein Verkaufspreis, um zu entscheiden, ob ich mich diesem Wein ebenfalls einmal nähern möchte …

    Gruß – der Weinbastard

  2. Okay … manchmal sollte man den Links im Text einfach folgen, um via wikipedia zu erfahren, dass Humagne Rouge keine Cuvée sondern eine eigene Rebsorte ist. Errare humanum est. Jetzt hoffe ich nur, dass sich der Verkaufspreis nicht auch noch irgendwo im Test versteckt hat :-)

  3. weinsegler sagt:

    Hallo Huub,

    herzlichen Dank für das Lob. Die Rebsorte ist ein paar Mal angeführt und sogar direkt verlinkt um mehr Informationen darüber zu geben. Auch der Preis ist unten im ‘Resümee’ erwähnt :-)

    Kannst Du aber auch auf weinquellen.at noch genauer lesen wenn Du Lust hast. Dort ist auch ein Bericht über Chandra Kurt und Madeleine Gay veröffentlicht.

    Gruss
    Leo aka weinsegler

  4. Herr, schenke mir Augen, die alles erkennen und mich nicht nur das lesen lassen, was ich lesen will. Wie konnte ich den Preis nur übersehen????

    Wahrscheinlich war ich einfach zu fasziniert, von der tollen Art, wie Du den Wein beschrieben hast. Chapeau!

    Der Weinbastard

  5. Ich verrate Dir jetzt besser nicht, dass ich Kontaktlinsen trage, das wird sonst nur noch peinlicher für mich :-)

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