Hasennestle 2013 Müller-Thurgau

| 6. April 2016 | 0 Kommentare ...alles

Leute, trinkt endlich Müller-Thurgau!

Müller-Thurgau braucht kein Mensch, aber diesen hier sehr wohl. Was für ein Spassbolzen, was für eine Überraschung! Trinkt Müller-Thurgau! Diesen da!

Winzer/Weingut: Stephan Krämer, Auernhofen, Franken, Deutschland.

Lage/Herkunft: Von auf Muschelkalk stehenden Rebstöcken der Steillage Tauberzeller Hasennestle.

Mueller-Thurgau Hasennestle Allgemeines: Erst kürzlich hatte ich das Vergnügen, den Silvaner Feuerstein von Stephan Krämer aus Auernhofen in Franken kennenzulernen. Es war ein richtig tolles Weinerlebnis. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Stephan Krämer ja eigentlich mehr Bauer als Winzer ist. Er hat keine Winzerausbildung, dafür aber umso mehr Wissen und Verständnis von der Landwirschaft, wozu am Ende auch der Weinbau gehört. Und so zaubert er aus seinen Rebstöcken die auf Muschelkalk- und Feuersteinlagen im Taubertal bei Röttingen, in Tauberzell und in Iphofen im Steigerwald stehen auch aussergewöhnliche Weine in die Flaschen. Die Etiketten sind vom Design her einfach und doch sehr anprechend gestaltet. Aufgrund ihrer intensiven Farben haben sie einen hohen Wiedererkennungswert. So sind jene für den Silvaner in quietschgrün und für den Müller-Thurgau in knallorange bedruckt. Heute steht hier sein Müller-Thurgau Hasennestle 2013 am Tisch der Wahrheit, eine Rebsorte die ungefähr so sexy ist wie Otto unter echten Männer-Models. Spontanvergoren sowie im Holz und Edelstahl ausgebaut ist sein Hasennestle und ich bin mehr als gespannt, ob ich mich mit Müller-Thurgau anfreunden werde. Vorher kommt der Kandidat, der gerade einmal 11,5 % auf die Waage bringt, für eine halbe Stunde in die Karaffe um sich mit seiner Umgebung anzufreunden.

Im Glas: Gelb wie frisches Stroh dreht der Hasennestle seine Runden im Glas.

In der Nase: Frühling in der Nase. Frisch, zitronig, Wiesenkräuter und jede Menge kalter Stein. Mit Zitronen und Limetten eingeriebener Stein der richtig knackt im Riechorgan. Darunter feiner Blütenstaub, weisse Blütenblätter und ein Stück grüner Apfel. Insgesamt ein ungemein rassiger, frischer und schon beim Riechen Speichelfluss auslösender Duft. Würde man dem Duft eine Farbe geben, dann wäre dieser sicher grün. Wenn das im Mund so weitergeht, dann wird das garantiert ein richtig grosser Spass.

Im Mund: Holla, juchzt die Waldfee und versucht ihre Sehschlitze wieder auf Normalformat zu bringen. Wie ein Laserstrahl zieht der Hasennestle über den Gaumen, wirft mit grob gesprengtem, kaltem Stein um sich und fällt dann auf die mit reichlich Zitrusaromatik eingelullte Zunge ab. Rassig wie eine Viper und, plötzlich fällt es einem auf, so richtig wohlig im Mund. Da stürmt der Tropfen erst glasklar in den Mund und dann legt er sich unerwartet mild auf der Zunge nieder. Hat man im ersten Augenblick noch das Gefühl von diesem Wein überrannt zu werden, so wird es kurz danach versöhnlich, weil man diese Weichheit nicht erwartet hätte. Dafür muss man auf Frucht verzichten, denn hier gilt es den Stein zu domestizieren. Im Abgang zitrusfrisch und extrem mineralisch, der Nachhall ebenso zitronig wie auch steinig.

Das völlig Unerwartete aber passiert, wenn man den Hasennestle länger atmen lässt. Dann steht er plötzlich mit festem Grip im Mund, hat Haftung, schmiegt sich wie ein Klettband an der Zunge und am Gaumen an und sorgt für ein Mundgefühl, das so frisch wie mineralisch wie auch wohlig ist. Die anfängliche brutale Knackigkeit ist einer weichen Hülle gewichen, es ist furztrocken und auf der Zunge steht ein Saft der richtig abgeht. Die Viper ist gezähmt, der Stein hat sich seines Zitronenkleids entledigt und auf einmal schmeckt man etwas Kalk, verfeinert mit einem Brocken Salz. Eigentlich will ich es ja nicht wahr haben, aber es ist wie es ist, der Müller-Thurgau rockt die Futterluke und macht auf einmal mächtig Spass. Es kann nicht sein was nicht sein darf, und doch ist es; nämlich richtig fetzig und vor allem richtig unterhaltsam.

Der Hasennestle hat einen Trinkfluss entwickelt der erschreckend ist und angesichts der läppischen 11,5 PS darf man völlig reuelos in Durstlöscherdosierung zulangen. Der zischt ab wie ein Apachen-Pfitschipfeil, macht plötzlich soviel Spass im Mund, überrascht mit seiner floral-steinigen Charakteristik die so fein und anschmiegsam geworden ist. Nichts mehr mit strahlig, glasklar und rassig, nur mehr grosser Wohlfühlfaktor und traumhaft schönes Mundgefühl. Sogar im Abgang glaubt man den Grip zu spüren und man kommt zur Erkenntnis, dass der Mensch nicht unbedingt die Frucht im Wein braucht wenn der Boden und die Rebsorte selbst so dominant sind und sich ohne weiteren Firlefanz zu behaupten wissen.

Resümee: Müller-Thurgau braucht kein Mensch, aber diesen Müller-Thurgau braucht man. Weil er nicht banal und seelenlos, sondern charaktervoll und richtig unterhaltsam ist. Was für ein Spassbolzen, was für eine Überraschung! Leute, trinkt endlich Müller-Thurgau! Diesen hier!

Tipp: Wollen Sie, dass es kracht, dann ab ins Glas damit. Oder geben sie ihm eine Stunde in der Karaffe und staunen Sie. Mit 10-12º am besten zu trinken. Zu Fisch, zu Spargel, zum Schnitzel oder zum Backhendl, der macht so ziemlich alles mit. Als Solist DIE Überraschung schlechthin. Vorausgesetzt Sie geben ihm ein wenig Zeit und Luft.

Einen Bericht über den Hasennestle lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Hasennestle 2013 Müller-Thurgau von Stephan Krämer aus Auernhofen in Franken, Deutschland. Bezugsquelle: 225 Liter-Handverlesene Weine, München.

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Kategorie: 225 Liter, Verkostet

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