Gräfin 2011

| 19. April 2014 | 0 Kommentare ...alles

Weinerlebnis ‘on the road less travelled’.

Referenz in einem Segment, das so kontrovers diskutiert wird, dass man meinen könnte es geht um die Einführung einer neuen Weltreligion.

Winzer/Weingut: Weingut Muster, Leutschach/Steiermark, Österreich.

Lage/Herkunft: Von den steinigen und kargen Opokböden der Lage Graf.

Gräfin Flasche/Etikett: Zum allerletzten Mal steht eine der unverwechselbaren Musterschen Flaschen auf dem Tisch und zum allerletzten Mal ist auch auf dieser das aus Beppo Pliems Serie ‘Horizonte’ stammende Etikett darauf. Wie üblich in braun, gelb und ocker, stellen diese erdigen Farben jene der Landschaft dar der dieser Wein entspringt. Selbstverständlich mit der typischen Carbon Type-Schrift des Weinnamens in rotbraun im linken unteren Teil und dem einem Brandzeichen gleichenden Logo des Weinguts rechts unten.

Am vanillegelben Rückenetikett erfährt der Weinfreund wieder alles was noch relevant sein könnte. Natürlich ist auch hier wieder das demeter-Siegel und eine empfohlene Trinktemperatur von 14º aufgedruckt. Damit sich die Gräfin für ihren aristokratischen Auftritt standesgemäss vorbereiten kann, darf sie sich dazu eine halbe Stunde in der grossen Karaffe auf Betriebstemperatur bringen.

Im Glas: Dem Namen höchste Ehre machend blinzelt die Gräfin in einem etwas trüben Orange aus dem Glas. Das kommt daher, dass der Wein unfiltriert ist und deshalb nicht wie polierter Chrom strahlen kann.

In der Nase: Nicht übermässig intensiv, aber doch sehr bestimmt machen sich in der Nase Noten von Pfirsich, Stachelbeeren und etwas gelber Exotik breit. Aprikose ist dabei und nach mehrmaligem Schwenken des Glases wird der gesamte Duftkorb kräftiger. Feine erdige Würze steht neben den Fruchtaromen und macht es einem schwer, den Wein als Sauvignon Blanc zu identifizieren. Eine feine Wolke Kalk steht über all dem und ist so typisch wie obligat für die Weine die diesem kargen Opokböden entstammen.

Im Mund: Einfach umwerfend. Mag man oder nicht. Keine Kompromisse. Was da im Mund abgeht ist schlichtweg phantastisch. Man schmeckt Orangen auf der Zunge, Marille, Pfirsich und sogar gelbe Tropfenfrüchte glaubt man zu erkennen. Es ist dabei nicht vordergründig laut, sondern vielmehr zart, dezent und richtig vornehm. Nichts schreit, drängt sich in den Vordergrund oder versucht das Kommando zu übernehmen. Es ist einfach ein höchst genussvolles Schmecken von Früchten, die allesamt von diesem weisskalkigen Nebel begleitet werden, welcher alles wieder sehr fein und leicht wirken lässt. Die Gräfin spielt mit feinsten Gerbstoffen am Gaumen und auf der Zunge, man spürt eine mehr als vornehm elegante Adstringenz und man will mehr davon. Man will überhaupt mehr von diesem Wein. So saftig wie er zu sein scheint, so trocken ist er doch. Elegant herb, trocken wie ein Papiertaschentuch und an den Zungenrändern sogar etwas salzig.

Gräfin 2011 Nach einer Stunde zeigt sich die Gräfin von einer Seite die man am liebsten ‘einfrieren’ möchte. Glasweise. Um nach Lust und Laune immer wieder eines aufzutauen und zu geniessen. Das Frucht-Säurespiel ist umwerfend, man meint eine ganz leichte Extraktsüsse zu spüren die alles noch saftiger erscheinen lässt. Im Abgang spürt man wieder diesen Hauch von Kalk der über den Gaumen zieht, schmeckt noch einmal den Orangen- und Marillennoten hinterher und leckt sich am Ende wie ein Hund zehnmal die Lippen mit der Zunge ab. Was bleibt ist ein feinst herber Nachhall, etwas Erde, etwas ‘Oranges’ und das unbändige Verlangen nach dem nächsten Schluck. Gerbstoffe fein wie Kaschmir, auf der Zunge saftiger Kalk, rund im Mund, appetitanregend, subtil fruchtig. So zeigt sich die Gräfin von ihrer betörendsten Seite. Das ist Wein zum Meditieren, zum Fliegen, zum Loslassen. Mild, elegant herb und doch so voller Saft. Fängt etwas ungestüm an, legt sich nach einer Stunde und wird danach immer gehaltvoller. Verändert sich halbstündlich über den ganzen Tag hinweg und scheint kein Ende in seiner Entwicklung zu nehmen. Aristo-Abenteuer pur.

Resümee: Wer immer – nachdem er diesen Wein gekostet hat – Orange Wine als Unfug bezeichnet (auch wenn es zugegebenermassen viel Ramsch davon gibt), der ist meiner persönlichen Meinung nach schlichtweg ein Ignorant. Das hier ist Referenz in einem Segment, das so umstritten, so kontrovers diskutiert wird, dass man meinen könnte es geht um die Einführung einer neuen Weltreligion. Dabei ist es einfach ein Weinerlebnis ‘on the road less travelled’. Vollkommen abseits der Spur. Schmeckt weiss, fühlt sich rot an. Und beschert Weingenuss der ‘natürlich’ völlig anders, deswegen aber auch umso aufregender und wert zu entdecken ist. Ganz grosses Kino, ganz weit abseits der vionphilen Autobahnen.

Tipp: Eine Stunde in der Karaffe ist ideal. Wie empfohlen sind 14º perfekt. Viel zu schade um ihn zum Essen zu servieren. Das ist ein ein Solo-Entertainer erster Güte und sollte mit aller zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit genossen werden.

Einen Bericht über die Gräfin lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Sauvignon Blanc Gräfin 2011 von Maria & Sepp Muster vom Weingut Muster in Leutschach in der Steiermark, Österreich.

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Kategorie: Muster, Verkostet

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