Glockenturm 2015 Mukenthal

| 29. Juli 2016 | 0 Kommentare ...alles

Gemischter Satz, total geerdet

Läutet tatsächlich dunkel und tief. Hat Kraft, Charakter und vor allem eine Tiefe die beeindruckt. Richtig gut geerdeter Wein.

Winzer/Weingut: Jutta Ambrositsch, Wien, Österreich.

Lage/Herkunft: Von 44 Jahre alten Rebstöcken die im Weingarten Mukenthal in der Nähe von Grinzing stehen.

Glockenturm 2015 Allgemeines: Letzten Oktober hatte ich von Jutta Ambrositsch aus Wien einen Satellit im Glas. Keinen von “da oben”, sondern den Satellit 2014, eine Cuvée aus Grüner Veltliner, Riesling und Sauvignon Blanc. Ein Wein vom Bisamberg, der ist in Wien, über der Donau. Heute habe ich wieder einen Wein von Jutta Ambrositsch am Tisch der Wahrheit stehen. Keinen Satellit, dafür einen Glockenturm. Aus 2015. 44 Jahre sind die Rebstöcke alt die im Weingarten Mukenthal in der Nähe von Grinzing stehen und ganze 10 Rebsorten sind in diesem Gemischten Satz fröhlich vereint. Allesamt gemeinsam im Weingarten gewachsen, gemeinsam gelesen und vergoren. So wie echter Gemischter Satz eben sein muss. Der Gemischte Satz Glockenturm wurde sogar als “Slow Food Presidio Produkt” und damit als kulinarisches Weltkulturerbe ausgezeichnet. Ob der Glockenturm dann auch tatsächlich läutet werde ich jetzt gleich erkunden, nachdem er sich eine halbe Stunde in der Karaffe rumgetrieben hat. Das grosse Glas ist blankpoliert und ich bin bereits gespannt eine Glocke anschlägt.

Im Glas: In fast weissen Gelb steht der Glockenturm im Glas.

In der Nase: Läuten tut er nicht, dafür duftet er umso intensiver. Ein ganzer Schwall fruchtiger wie auch steiniger Aromen tummelt sich in der Nase. Man riecht Quitte, etwas Pfirsich, gelben Blütenhonig und auch dezente Brotaromen. Untermalt von einer zarten erdigen Mineralik fügt sich alles zu einem beeindruckenden Duftspektakel zusammen und man will seine Nase gar nicht mehr aus dem Becher nehmen. Es ist betörend, es ist anders, es ist individuell und aufregend.

Im Mund: Und dann läutet er tatsächlich, der Glockenturm. Dicht und druckvoll strömt er in den Mund, ist knackig frisch, rieselt auf der Zunge und am Gaumen und protzt mit einer gelben Aromatik die von einer subtilen erdigen Würze unterlegt ist. Auf der Zunge saftige Quitte mit etwas Pfirsich, auch die Brotaromen sind wieder da ohne zu dominieren. Am Gaumen Erde, saftig, weich und schmelzig. Eine Wohltat wie sich der Glockenturm da anschmiegt und nur langsam wieder abfliesst. Viel gelbe Frucht, ebensolche Würze und ein Abgang der sogar einen Tick von Schärfe mit sich führt. Phantastisch was sich da im Mund abspielt. Der Nachhall dauert an und hinterlässt ein angenehm warmes Gefühl. Ausgesprochen schön und animierend.

Luft. Ja, Luft tut dem Kerl richtig gut. Nach und nach wirft er alles über Bord was nicht benötigt wird und reduziert sich auf seinen wahren Charakter der da erdig, würzig, harzig und ausgesprochen komplex und vielschichtig ist. Toastnoten kommen immer stärker hervor, hüllen alles in einen feinen Rauch, sorgen für ein absolutes Wonnegefühl im Mund. Der Glockenturm geht auf, wird immer saftiger, aber auch erdiger. Rote Waldbeeren! tauchen plötzlich auf, tun so als ob sie schon immer dafür bestimmt waren sich auch im Weisswein rumzutreiben. Trockenes Laub umweht sie, schiesst diesen typisch erdbetonten Duft und Geschmack dazu und lässt den Tropfen immer “bodenständiger” werden. Der Glockenturm läutet tatsächlich und der Klang ist eher dunkel und tief. Erst am Gaumen klaren die Bässe wieder auf und wenn er sich in Richtung Abgang aufmacht, zeigt er noch einmal was alles in ihm steckt. Der Wein hat Kraft, der hat Charakter und vor allem eine Tiefe die beeindruckt.

Vier Stunden dümpelt der Glockenturm nun bereits vor sich hin und es wird immer erdiger im Mund, feine Nussaromen haben sich aus ihren Schalen bequemt und sorgen für ein zart braunes Mundgefühl. Etwas leicht Harziges macht sich bemerkbar, das vermengt mit Quitte einen unbeschreiblich warmen wie auch wohligen Geschmack vermittelt. Ich bin sicher wenn ich den Glockenturm noch länger offen lasse, dann steht am Ende ein total geerdeter Wein im Glas. Man schmeckt den Boden, man vermisst keine Frucht und man liebt es wie sich alles auf der Zunge und am Gaumen anfühlt.

Resümee: Das ist Wein der weniger zum Schmecken, dafür umso mehr zum Spüren gemacht ist. Das ist Gemischter Satz der süchtig macht. Ich gönn’ mir jetzt noch ein Glas und werd’ mich mit dem Kerl unterhalten was er noch so alles vor hat. Ich lass mich einfach überraschen.

Tipp: 1 Stunde in die Karaffe damit und dann mit 10º aus dem Burgunderglas trinken. Zu Wiener Schnitzel, zum Blunzngröstl, zu Krautfleckerl und überhaupt zur Wiener Küche. Als Solist ein anspruchsvoller wie auch tiefgründiger Begleiter.

Einen Bericht über den Glockenturm lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Gemischter Satz Glockenturm 2015 Mukenthal von Jutta Ambrositsch aus Wien, Österreich. Bezugsquelle: 225 Liter-Handverlesene Weine, München.

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Kategorie: 225 Liter, Verkostet

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