Cuvée 738 Extra Brut

| 17. Februar 2016 | 0 Kommentare ...alles

Ein echtes Rassepferd

Ein Minimalist mit maximaler Strahlkraft. Kein Schampus für Imageschlucker, das ist Sprudel für Könner.

Winzer/Weingut: Champagne Jacquesson & Fils, Dizy, Champagne-Ardenne, Frankreich.

Lage/Herkunft: Von kalkhaltigen Böden aus Grand Cru- und Premier Cru-Lagen aus dem Vallée de la Marne.

Cuvee 738 Allgemeines: Wenn das Thema einer Verkostungsreihe Und es hat blubb gemacht heisst, dann bedarf es natürlich auch eines entsprechend feinen Sprudels um diese zu eröffnen. In diesem Fall stammt dieser von den Brüdern Jean-Hervé und Laurent Chiquet, die 1988 die Leitung des 1974 erworbenen Champagnerhauses Jacquesson in Dizy übenommen haben. Ihre Cuvée No.738 stammt hauptsächlich aus dem Jahrgang 2010 und ist zu 33% mit Reserveweinen der Jahrgänge 2008 und 2009 “veredelt”. Der Grundwein wurde im traditionellen Holzfuder spontan vergoren und auf der Hefe ausgebaut. 61% Chardonnay von Grand Cru- und Premier Cru-Lagen, 18% Pinot Noir und 21% Pinot Meunier aus dem Vallée de la Marne finden in dieser Cuvée zusammen. Degorgiert wurde diese Flasche im März 2015. Detail am Rande: Adolphe, der Sohn des Gründers Memmie Jacquesson, hat den Drahtverschluß der heute jeden guten Sprudel umschliesst erfunden. Ich werde diesen jetzt elegant entfernen und den Korken leise ploppen lassen. Oder lauter. Mal schauen.

Im Glas: In saftigem birengelb sprudelt die Cuvée 738 im Glas vor sich her.

In der Nase: In einem feinen Hefenebel tanzen weiche Blütenaromen durch die Szenerie. Kirsche riecht man, etwas Salzmandel. Insgesamt eher mehr florale denn fruchtige Aromen. Wenn überhaupt Frucht, dann eine dicke fette weisse Kirsche im Hintergrund. Über allem eine Hefwolke die anders riecht als man es kennt und auch gewohnt ist. Litschi scheint aufzutauchen, was dem Duft eine zusätzliche weisse Note verleiht. Ein weicher, milder Duft der mit floralem Charme die Nasenflügel hochströmt.

Im Mund: Und dann der grosse Knall. Was gerade noch mild und weich, fast betörend in der Nase war, klatscht knochentrocken und brutal mineralisch auf der Zunge auf. Ein Rassepferd feinster Herkunft galoppiert mit Vollgas durch die Zungenmitte. Es fühlt sich unendlich griffig an und über die Ränder fliesst eine Salzader ab die einen wahren Tsunami an Speichelfluss aulöst. Ich kann im ersten Moment nicht sagen ob es das Salz oder die Säure ist was mir die Augenbrauen hochschnellen lässt, während die Zunge ein Rad nach dem anderen schlägt. Glasklar, präzise und dabei stoffig und herrlich herb ist die Cuvée 738 am Gaumen. Die Zunge kriegt sich vor lauter Salz gar nicht mehr ein. Es ist als würde es einem den Speichel aus dem Organ ziehen. Zitrusfrisch oder salzrassig? Ich nehm’ beides. Und den herben Hefeabgang wie den weinigen Nachhall pack ich auch noch ein. Was für ein grandioses Schauspiel.

Ich gehe jetzt sogar soweit und behaupte, dass man diesen Schampus locker in die Karaffe kippen kann und er sich darin enorm entwickelt. Das zweite Glas hat etwas Luft abbekommen und fühlt sich jetzt so richtig druckvoll an im Mund an. Die Mineralik ist noch extremer, noch herber geworden, aber auch einen Tick weicher. Die anfängliche Rassigkeit hat etwas abgenommen, die Säure ist ein wenig friedlicher geworden, alles ist jetzt harmonisch und dabei doch brutal straff und mineralisch. Herber Hefenebel steht am Gaumen, während auf der Zunge bestenfalls ein Hauch von gelbem Apfel aufblitzt. Superfeine Perlage streicht belebend über die Zungenmitte, im Schlepptau etwas Hefe, etwas Brioche und jede Menge weisse Kreide. Cuvée 738, grosses Champagnerkino.

Immer weiniger wird die Cuvée 738 an der Luft. Etwas erhöhte Trinktemperatur macht sie fast schon charmant, obwohl sie das nicht ist. Sie ist hochpulsig, sie ist leicht nervös und strahlig. Eben wie ein Rennpferd. Da ist kein Platz für verspielte Fruchtaromen, das ist keine geschmackliche Wundertüte, die Cuvée 738 ist eine haptische Naturgewalt. Brutal trocken, dabei dicht und stoffig. Rassig wie ein Vollblut, dabei sehr harmonisch, weil sich die nervöse Art in feinster Hefe und auch Kreide auflöst. Staubig, herb und auf reine Mineralik reduziert im Abgang und im Nachhall. Nur “gestützt” fällt einem gelber Apfel ein wenn man um Frucht gefragt wird. Der Rest ist einfach Gefühl. Jede Sekunde, jeder Tropfen, jeder Schluck.

Resümee: Kein Sprudel zum Schmecken, das ist Blubb zum Spüren. Frische Säure, feine Hefe, herber Kern und eine Packung weisse Kreide. Mehr braucht es nicht um sich auf dieser Reise zu vergnügen. Ein Minimalist mit maximaler Strahlkraft. Kein Schampus für Imageschlucker, das ist Sprudel für Könner.

Tipp: Können Sie locker karaffieren. Mit 8-10º am besten zu geniessen. Undebdingt Weissweinglas verwenden. Begleitet Muscheln und asiatische Gerichte grandios. Als Solist für Freunde brutaler Rassigkeit das Nonplusultra.

Einen Bericht über die Cuvée 738 lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde eine Cuvée N° 738 Extra Brut von Champagne Jacquesson & Fils aus Dizy in der Region Champagne-Ardenne, Frankreich. Bezugsquelle: K&U Weinhalle, Nürnberg.

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Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

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