Chianta Sicilia 2011 bianco

| 20. November 2014 | 0 Kommentare ...alles

Wein, der einen an die Grenzen bringt.

Ob man diesen Wein erobern kann hängt nur von davon ab, ob man sich ihm ohne Vorurteile zu nähern in der Lage ist. Wein NUR für Kenner und Könner.

Winzer/Weingut: Ciro Biondi, Trecastagni, Catania, Sizilien.

Lage/Herkunft: Von Vulkanböden einer uralten Terrassenanlage auf 700 Meter Seehöhe, am Fusse eines dem Ätna vorgelagerten Hügels.

Chianta Flasche/Etikett: Ein relativ unscheinbares, schneeweisses Etikett klebt auf der schweren Burgunderflasche. Oben in Kapitalen C & S BIONDI PROPRIETARI IN TRECASTAGNI und unterhalb in grün SICILIA I.G.T. BIANCO. Alles in klassischer Typografie. Ganz unten ebenfalls in Grossbuchstaben CARRICANTE, die Hauptrebsorte die in diesem Wein verarbeitet wurde. In der Mitte als Strichzeichnung eine Lagenkarte mit der farblichen Hervorhebung jender Parzellen, von welchen die Rebsorten für den Chianta stammen. So steht auch chianta in einer Outline-Schrift gross und schwarz über der Lagenkarte. Am kleinen weissen Rückenetikett nichts wesentlich informatives, sondern nur das was unbedingt auch angeführt sein muss. Eine dunkelgrüne Halsmanschette im Metalliclook rundet das Gesamtbild ab. Wie schon beim Outis Etna DOC bianco 2009 wird auch beim Chianta erst eine entsprechende Belüftung für den totalen Genuss sorgen, weshalb der Wein ‘vom Vulkan’ erst einmal für eine Stunde in die Karaffe wandert.

Im Glas: Orange ist das neue Weiss. Als würde goldener Marillensaft im Glas stehen.

In der Nase: Eigenartig, weil völlig fremd, der Duft des Chianta. Gelblichgrün, gemüsig, kräutrig, würzig. Von allem etwas, von Frucht so gut wie nichts. Eigentlich riecht es salzig. Sehr salzig. Diesen Geruch muss man sich erarbeiten, man muss sich durch ihn durchwühlen um am Ende erst recht vollkommen irritiert übrig zu bleiben. Erst jetzt, nach 90 Minuten Luft und entsprechenden flotten Runden im Glas, tauchen ganz weit hinten dezente Orangenschalen auf. Gesalzen, nicht gezuckert.

Im Mund: Mag man oder hasst man. Soviel steht bereits fest wenn der Chianta in den Mund kommt. Ausgesprochen mild fliesst er wie Balsam über die Lippen und kaum kommt er auf die Zunge, setzt ein hemmungsloser Überfall der Salzkristalle ein. Man spürt den Wein wie er sich mundfüllend und salzig über die Zungenränder wälzt und sich in einer Pikantheit auflöst, die völlig unbekannt ist. Den Chianta spürt man im Mund, man empfindet ihn mit jedem Nerv und kommt gar nicht dazu ihn nur zu schmecken. Was schmeckt man eigentlich? Grün schmeckt man. Komplett ‘abgefahren’ verhält er sich am Gaumen. Da steht zuerst das Salz auf ihm und plötzlich ist alles aufgetrocknet und erinnert kurz an den rauchigen Kick trockenen Sherrys im Rachen. Der Chianta ist definitv kein Wein für jene, die sich gerne auf der ‘sicheren Seite des Lebens’ bewegen.

Ich muss zugeben, dass mich der Chianta an meine Grenzen bringt. Und das heisst etwas, weil ich was Wein angeht mehr als nur experimentierfreudig und auch abenteuerlustig bin. Aber der hier will erobert werden. Der Chianta ist soviel auf einmal. Er ist ungemein würzig, geht aber dann in einer grünen Pikantheit auf, er ist nichts als mineralisch salzig und dabei gleichzeitig weich und mild im Mund. Die Zunge spürt ihn druckvoll und breit, spürt wie er üppig über sie fliesst und am Gaumen ist er plötzlich fein und leicht. Im Abgang das vollständige Gemüseangebot des Tages und ein Nachhall der grün, gelb und kräutrig ist. Was trinke ich da eigentlich? Der Tropfen ist einfach schräg und ich wette, in einer Stunde trinke ich was völlig anderes. Doch im Moment fasziniert der Wein in seiner Dichte, mit seiner Struktur und seiner ungeheuren physischen Präsenz im Mund, die sich am Schluss in einem herben Finale auflöst und einen in totaler Trockenheit zurück lässt.

Und dann, nach fünf Stunden, zeigt sich der Chianta von einer vollkommen neuen, komplett anderen Seite. Erst jetzt beginnt er aufzumachen, ist er bereit seine geballte Ladung Mineralität ‘geordnet’ zu präsentieren. Man spürt jetzt wie trocken der Wein eigentlich ist, wie herb er am Gaumen steht und wie saftig seine Mineralik ist. Er ist ruhiger geworden, wirkt konsolidierter und ist trotzdem noch lange nicht am Höhepunkt angelangt.

Resümee: Das ist Wein der Zeit fordert, der Geduld abverlangt und einen zwingt alles was man über Wein weiss zu vergessen. Zumindest solange wie man sich mit diesem hier beschäftigt. Denn einfach zum Wegtrinken ist der Chianta nicht gemacht. Am Ende steht man mit genau der selben Meinung da, die gleich zu Beginn jegliche Kompromisse ausgeschlossen hat. Entweder man mag den Wein oder lehnt ihn kategorisch ab. Dazwischen liegt ein riesengrosses Abenteuer. Ob man es erleben will und kann hängt nur von dem ab, der sich dem Chianta völlig wertfrei und ohne Vorurteile zu nähern in der Lage ist. Wein für Kenner und Könner. Nix für Beginner.

Tipp: Zwei bis drei Stunden Luft sollten Sie ihm gönnen. Am besten mit 12-14º im grossen Glas geniessen. Etwas ratlos was die küchentechnische Begleitung angeht. Als Solist nach einem halben Tag in der Karaffe ein Wein, der einen an die persönlichen Grenzen bringt und neue Horizonte eröffnet. Kein Wein für Sicherheitsfanatiker.

Einen Bericht über den Chianta lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein Chianta’ Sicilia bianco 2011 von Ciro Biondi aus Trecastagni bei Catania, Sizilien. Den Wein gibt es in der Weinfachhandlung K&U Weinhalle in Nürnberg zu beziehen.

Tags: , , , , , , ,

Kategorie: K&U Weinhalle, Verkostet

Ihr Kommentar