1900 BRUT 2009

| 12. Februar 2016 | 0 Kommentare ...alles

Wie ein Ritt durch die Sonora-Wüste

Einer, den man sich erarbeiten muss, der einen nicht gleich an sich ran lässt, aber dann mit seiner kühlen und herb-erdigen Ader begeistert.

Winzer/Weingut: Van Volxem, Wiltingen/Saar, Rheinland-Pfalz, Deutschland.

Lage/Herkunft: Von skelettreichen Schieferböden mit wurzelechten Rebstöcken, die teilweise sogar von 1900 stammen.

1900 Brut Allgemeines: Die wenigsten schaffen es beim ersten Versuch seinen Namen unfallfrei aussprechen, aber alle wissen wer das baumlange Gegenüber ist vor dem sie stehen; Roman Niewodniczanski, seines Zeichens wohl einer der bekanntesten Winzer Deutschlands und berühmt für seine Rieslinge. Van Volxem und Saar sind jedem ein Begriff und ich habe heute einen Riesling von Roman Niewodniczanski am Tisch der Wahrheit stehen. Allerdings keinen Stillwein, sondern einen wo sogar Blasen drin sind, nämlich seinen Sekt 1900 Brut Jahrgang 2009. Hergestellt wurde der Sprudel mittels traditioneller Flaschengärung und im klassischen Champagnerverfahren. Schon von zwei Jahren wurde der 1900 Brut mächtig in den Medien abgefeiert. Es wurde ihm sogar nachgesagt, dass er vielen Champagnern den Rang ablaufen soll. Ich werde ihn mir jetzt in aller Ruhe, abseits von Jubelchören, anschauen und mich selbst von seinen besungenen Talenten überzeugen.

Im Glas: In tiefem Honiggoldgelb perlt der 1900 im Becher vor sich hin.

In der Nase: Ungewöhnlich der Duft der die Nasenflügel empor steigt. Da ist viel Rauch in der Kammer, es riecht nass-schiefrig, reife Quitte dümpelt durch die Gegend und etwas feuchte Erde weht vorbei. Was für ein intensiver und aufregender Duft. Zuerst ganz viel nasse Mineralik, dann reifes gelbes Obst das für Frucht im Riechorgan sorgt. Ich könnte mich blöd riechen. Gelbe Zwetschge drängt sich schwer nach vorne und geht eine wunderbar komplexte Verbindung mit dem feuchten Rauch ein. Das ist ein dunkler Duft der etwas Mystisches ausstrahlt. Sehr tiefgründig und ungemein saftig.

Im Mund: Trinke ich Sekt oder Stillwein? Das ist hier die Frage. Auf jeden Fall beeindruckt der 1900 augenblicklich mit einer traumhaft frischen Säure und mit einer dunkelgelben Mineralik, die wieder diesen feuchten Rauch mit sich führt. Nasser Schiefer sorgt für einen zart salzigen Abfluss von der Zunge. Dabei ist der 1900 cremig und dank der Mirabelle auch herrlich gelbfruchtig. Und dann bin ich immer noch dabei die Perlage zu identifizieren. Die ist so fein, dass man den Sprudel dreimal im Mund umdrehen muss um sie zu aktivieren. Mandarinen tauchen plötzlich auf, stehen saftig in der Zungenmitte, während am Gaumen alles eher herb und erdig ist. Erst im Abgang wird es wieder fruchtiger, der Nachhall wieder eher herb, doch traumhaft intensiv und als Highlight gibt´s einen Löffel Honig oben drauf. Saftig ist der 1900, höchst aromatisch, dunkel, rauchig und sehr sexy.

Einfach der Wahnsinn wie fein diese Perlage ist. Und noch mehr wie traumhaft herb und doch zart fruchtig der 1900 sein Spiel im Mund treibt. Flüssige Erde, durchzogen von Mirabellen, Mandarinen und auch gelben Zwetschgen, trifft auf nassen Stein und feuchten Rauch. Da ist nichts mit charmantem Fruchtspiel, das hier ist für echte Kerle. Ich soll mich täuschen, aber ich glaube nicht, dass viele Frauen sich mit diesem herben Sprudel anfreunden wollen. Der 1900 ist definitiv “dreckig”. Kurz gibt er vor die Zunge mit reifen gelben Früchten zu versorgen, dreht er auf dem Absatz um und legt sich fast schon bitter am Gaumen an. Auch im Nachhall wird’s nicht süsser, der 1900 ist und bleibt ein Cowboy, der gerade einen 1000 Meilen-Ritt durch die Sonora-Wüste hinter sich gebracht hat. Mit all dem Staub und Dreck an den Klamotten. Ich mag diese “erdige” Stilistik, weil sie ehrlich, unverfälscht und charaktervoll ist.

Faszinierend ist das herbe Fruchtspiel des 1900. Wie Bitterorangen, nur in diesem Fall eben Bittermandarine und Bittermirabelle. Eingepackt im Erdmantel, befeuchtet mit nassem Schiefer und dann in die Rauchkammer verfrachtet. Was heraus kommt ist der eigenwilligste Riesling-Sekt den ich kenne. Überhaupt ist der 1900 ein sehr eigenwilliger Geselle. Und zwar einer, den man sich erarbeiten muss, der einen nicht gleich an sich ran lässt, aber dann mit seiner kühlen, fast schon nordischen Ader begeistert.

Resümee: Den 1900 kann man locker im Wilden Westen wie auch im Norden Skandinaviens verorten. Das ist sein Charakter, dunkel, dreckig, kühl und herb. Und dabei so sexy, wie eine Barbie-Puppe es niemals sein wird. Was für ein Sprudel, was für ein Abenteuer. Die nächste Flasche vernichte ich wenn Wallander wieder einem Bösewicht ans Fell geht.

Tipp: 10-12º sind fein. Bitte unbedingt ein Weissweinglas verwenden. Sie können ihn zu Fisch und Huhn geniessen, aber als Solist rockt er so richtig jede Party. Das ist Sprudel für Cowboys und sonstige unerschrockene Revolverhelden.

Einen Bericht über den 1900 lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde ein 1900 Brut 2009 von Van Volxem aus Wiltingen/Saar, Rheinland-Pfalz, Deutschland. Bezugsquelle: Pinard de Picard, Saarwellingen.

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Kategorie: Pinard de Picard, Verkostet

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