Ex Vero I 2006

| 1. Oktober 2012 | 0 Kommentare ...alles

Wein für Könner.

Ein echter Verwandlungskünstler der über zwei Tage hinweg seine unterschiedlichsten Gesichter zeigt. Naturwein für Zuhörer.

Winzer/Weingut: Ewald und Brigitte Tscheppe, Werlitschhof, Leutschach/Steiermark, Österreich.

Lage/Herkunft: Von toniger Braunerde auf Kalkmergelgestein in den flacheren Zonen des Weinbergs, wo der Boden lehmiger ist.

Flasche/Etikett: In der grünen Burgunderflasche abgefüllt steht der EX VERO I vor uns. Ein weisses Etikett klebt drauf mit einem in der Erde verwurzelten Baum, welcher die Verbundenheit mit der Natur symbolisiert und gleichzeitig das Logo des Werlitschhofes ist. Darunter in mehr als angestaubter Typo Werlitschhof und in ebensolcher sein Name, EX VERO I. Eingefasst ist das Stück ‘Zwangsbeklebung’ mit erdfarbenen Streifen welche mit den teilweise grünen Akzenten gut korrespondieren und dem Stück Papier insgesamt einen durchaus naturbezogenen Touch verleihen.

Da es kein Rückenetikett gibt steht der Rest und alles was von Wichtigkeit ist noch am unteren Rand darauf. Was sofort auffällt sind die schlanken 12% und der Hinweis, dass der Wein am besten bei 13-15º genossen werden soll. Wir halten uns daran und füllen den EX VERO I bevor er angetrunken wird für zwei Stunden in die grosse Karaffe um. Dort darf er seine Runden drehen und sich ‘ausgehfertig’ machen. Ganz wichtig auch noch zu bemerken: Der Wein wird aus den ‘Burgunderkübeln’ gesüffelt weil sich darin die vielschichten Aromen einfach perfekt entfalten können. Vergessen Sie also getrost das Pipiglas und protzen sie.

Im Glas: Schon beim Umfüllen aufgefallen ist uns die kräftige orangegelbe Farbe die eher an eine bestimmte ‘Probe’ denn vordergründig an einen Wein erinnert. Es sieht ein wenig trüb in der Karaffe und auch im Glas aus, doch fasziniert die dunkle Farbe des EX VERO I irgendwie und man denkt unweigerlich an Gold wenn man sie lang genug betrachtet. Mit der Zeit ‘klart’ es aber auf und so steht jetzt ein intensiv golden schimmernder Wein im Glas.

In der Nase: Das Bukett war zuerst noch komplett verschlossen, da war so gut wie nichts, und jetzt nach zwei Stunden an der Luft weht ein warmer, weicher Duft aus dem Kelch der bereits mächtig Eindruck schindet. Komplex, vielschichtig, intensiv, vollgepackt mit hundert duftenden Aromen. Nichts primär Fruchtiges, sondern eine dichte Mixtur aus Erdigkeit, aus Kernobst und kräutriger Würze dreht am Aromenrad. Es riecht hefig, kräftig und auch ein feiner Holzton mischt noch mit im Kelch. Ein Bukett das vollkommen den ‘Offroad-Modus’ eingelegt hat und ganz weit abseits der Hauptstrasse zur Hochform aufläuft. Je mehr Luft im Glas dazukommt umso gelber wird der Duft, umso intensiver, saftiger, sogar exotischer wird er. Das ist Schnüffelfaktor 10, eindeutig!

Im Mund: Der erste Schluck der auf die Zunge und den Gaumen trifft sorgt für Verwirrung. Weil es so vollkommen anders schmeckt, sich völlig anders anfühlt und so komplex ist, dass man erstmal Mühe hat den Tropfen richtig wahrzunehmen. So viel prallt da auf einmal auf einen ein. Zu allererst fühlt sich der EX VERO I weich an wenn er über die Lippen strömt, hinterlässt dort aber in einer staubtrockenen Spur eine kräutrige Salzigkeit auf der Zunge und den Lippen. Mit diesen beiden ersten Wahrnehmungen hat man bereits zu tun um damit klarzukommen weil diese im Anschluss fast austrocknen. Es ist faszinierend anders, beeindruckend eigenwillig und absolut ‘neben der Spur’. Hat man sich erst an diese Salzigkeit gewöhnt, fällt einem auf welch feine Säure sich da ihren Platz verschafft, wie erdig der Tropfen ist und wieviel Schmelz er eigentlich hat. Obwohl der EX VERO I nur 12% hat wirkt er viel kräftiger im Mund, bleibt aber dabei sehr schlank auf der Zunge, geht direkt über die Mitte und beschert einen relativ herben Abgang, während er frech seine Salzigkeit auf die Zungenspitze drückt und einen vor die Alternative stellt, sich auf diese oder auf die herbe Note im Nachhall zu konzentrieren. Der EX VERO I erfordert Multitasking-Fähigkeiten und beweist einem, dass man diese durchaus hat obwohl man nichts von ihnen wusste. Es ist definitiv zu viel um alles auf einmal verarbeiten zu können, so vielschichtig ist der Wein, so komplex ist er. Die zwei Tage werden ein grosses und spannendess Erlebnis, das wissen wir schon jetzt.

Das zweite Glas das wir nach nunmehr sechs Stunden an der Luft im Glas haben hat sich im Geruch dahin verändert, dass es jetzt noch weicher, aber auch noch dichter verwoben ist. Es ist noch mineralischer geworden und fordert die Nase richtig heraus. Es duftet kräftig ohne laut zu sein. Im Mund fühlt sich der EX VERO I bereits vollkommen anders an als ein paar Stunden zuvor. Die Salzigkeit ist geblieben, sie ist nur weicher geworden, nicht mehr so intensiv, und der Wein selbst zieht gleich einer hauchfeinen Nebelschwade über die Zunge. Er schwebt regelrecht über ihr und wirkt fast körperlos. Schemenhaft zieht er seine Bahn am Gaumen, lässt florale Aromen entweichen und setzt so etwas wie einen Schuss feiner Minze frei. Er ist komplett verwandelt, nicht mehr das was er zuvor war und man ist erstaunt wie leicht und fein er sich im Mund anfühlt. Bei all dem ist er weiterhin von straffer Mineralik dominiert, fühlt sich im Moment jedoch wie ein Faserschmeichler auf Stufe vier an. Die aktuelle Erkenntnis ist: 1 Wein, 6 Stunden, 2 Persönlichkeiten. Am Abend werde ich dann noch einmal meine Nase ins Glas stecken, bevor der Rest dann morgen endgültig ‘verwertet’ wird.

2. Tag

Nach knappen 30 Stunden die der EX VERO I nun bereits offen ist geht es (für diesen Bericht) zur finalen Runde. Der Rest bleibt weiter offen stehen und ich werde mir das noch ein, zwei Tage ansehen was noch so alles passiert. Das Bukett ist nach wie vor sehr präsent, hat nichts von seiner Strahlkraft verloren und versprüht weiterhin eine saftige Würze und intensive Mineralität. Im Mund fühlt es sich warm und butterweich an, fast rund. Die Salzigkeit hat etwas nachgelassen, ist nicht mehr so intensiv. Der Wein wirkt zarter ohne jedoch seine Saftigkeit oder gar Mineralik zu verlieren. Insgesamt wird der EX VERO I jetzt von seiner Kräuterwürze dominiert und schleicht dabei wie auf Samtpfoten über den Gaumen um sich in einem trockenen, leicht herben Abgang zu verabschieden. Im Nachhall ist er ein wenig kürzer, dafür aber umso kräutriger. Gleichzeitig ist er ein wahres ‘Leichtgewicht’ im Mund geworden welches einerseits federleicht über Zunge und Gaumen zieht, aber trotzdem genug Körper hat um Eindruck zu schinden. Es ist spannend all diese Veränderungen zu erleben.

Resümee: Ganz allgemein ist der EX VERO I kein Wein für zwischendurch. Das ist ein Wein der Aufmerksamkeit erfordert, der es mag wenn man ihm zuhört, ihn gewähren lässt und sich an seinen vielfältigen Gesichtern erfreut. Dazu braucht es Zeit, viel Luft sowie Geduld und auch Verständnis für diese Art von ‘Weinkultur’. Sie müssen bereit sein für die grossen Abenteuer und sich freimachen können von vorgefertigten Meinungen und Klischees. Wenn Sie diesen Wein richtig erleben und entdecken wollen, dann trinken Sie ihn über zwei Tage verteilt und lassen sie ihn an sich ran, ihn einfach gewähren. So wie er es im Keller gemacht hat wo man ihn das machen liess wonach ihm war. Naturwein kann richtig spannend sein wenn man bereit für ihn ist.

Tipp: Belüften Sie ihn in der bauchigen Karaffe oder im Dekanter für mindestens 3 Stunden. Trinken Sie ihn bei 13-15º und nehmen sie sich Zeit für ihn. Zmindest über einen Tag hinweg sollten Sie ihn immer wieder kosten um in den Genuss seiner Wandlungsfähigkeit zu kommen. Wein für Könner.

Einen Bericht über den EX VERO I lesen Sie auch hier.

Verkostet wurde eine Weissweincuvée EX VERO I 2006 von Brigitte und Ewald Tscheppes Werlitschhof in Leutschach in der Steiermark, Österreich. Der Werlitschhof ist Mitglied der Wertevereinigung Schmecke das Leben.

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Kategorie: Schmecke das Leben, Verkostet

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